Zukunft Deutschland – Wertvorstellungen im digitalen Wandel

Zukunft Deutschland – Wertvorstellungen im digitalen Wandel

Die Allgegenwart schwerer Krisen führt bei einem Grossteil der Bevölkerung dazu, dass sie sorgenvoll in die Zukunft blickt.

Die einstmals heile Welt unserer pluralistischen Gesellschaft erodiert zunehmend und nicht nur die jüngeren Generationen fragen sich, wie die kurz,- mittel- und langfristige transformative Umstrukturierung in Deutschland und in der Welt aussehen wird.

Die klimapolitischen Diskussionen bezüglich der anthropogenen Umwelteinflüsse und die Geschehnisse rund um die Corona-Pandemie bestimmen das tägliche Leben und haben viele andere und ebenfalls sehr wichtigen Themenkomplexe, was den demographischen Wandel, die Urbanisierung, die digitale Transformation, die Wohnungsnot, die Migration, die schleichende Inflation, die Sicherung der Renten etc. anbelangt, in den Hintergrund gedrängt.

Die Menschen sehen und spüren, dass die von der Politik geforderte links-soziale Neuorientierung der Gesellschaft, welche die latente Abkehr von den in der Vergangenheit präferierten, konservativen Wertvorstellungen zur Folge hat, sich in einem noch nie dagewesenen Umbruch befindet. Sie haben aber gleichzeitig nur wenig Vertrauen, dass die Regierenden und ihre Institutionen in der Lage sind, die anstehenden Jahrhundert-Probleme zu lösen und stellen deren Leistungsfähigkeit in Frage.

Diese fundamentale Glaubens- und Vertrauenskrise führt zu einer wenig wünschenswerten „No-Future-Mentalität“, die mit einer gewissen polarisierenden Unduldsamkeit einher geht, welche die auseinanderdriftenden Entzweiung fördert und die Radikalisierung der politischen Ränder befeuert.

Anstatt einer gesitteten Streitkultur, nimmt das Wutpotenzial in der aufgewühlten Gesellschaft zu, worunter insbesondere, die in Krisenzeiten eingeforderte Solidarität zur Bewahrung des sozialen Zusammenhalts leidet und einem individuellen, spaltendem Egoismus mehr Platz eingeräumt wird. Man fühlt sich im Stich gelassen und die zunehmende Resignation fordert einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Perspektivwechsel.

Institutionelle, nicht verhandelbare Lösungen von „oben“ werden als Auslaufmodell und als nicht mehr hinnehmbar angesehen. Das überzogenen Denken in europäischen und globalen Dimensionen erfährt Ablehnung, da die nationalen Perspektiven aus dem Blickwinkel geraten und die wenig rational erscheinende Weltrettungsattitüde der Klimahysteriker als unverhältnismässig und persönlich nachteilig angesehen und kaum noch Akzeptanz finden wird.

Konservative und Liberale spielen die Grundwerte nicht selten gegeneinander aus: je mehr Freiheit, desto weniger Gerechtigkeit und umgekehrt. Die Wahrnehmung der Politik wird durch die wachsende Konturlosigkeit der Altparteien getrübt, was durch den Verlust des inneren Kompasses zu einer Orientierungslosigkeit und einem Wertschätzungsdefizit führt.

Die älteren Generationen, die einen bodenständigen, traditionellen Lebensstil mit vorwiegend analoger Prägung bevorzugen, fühlen sich von den jüngeren Generationen, die sich überwiegend in virtuellen Sphären bewegen und der Digitalisierung sowie der künstlichen Intelligenz das hohe Lied singen, nicht ausreichend wertgeschätzt, wodurch das Wir- und Zugehörigkeitsgefühl sowie der Gemeinsinn leiden.

Die überwiegenden Gründe hierfür sind entsprechend einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, der Anstieg sozialer Unterschiede (arm vs. reich) und die Zunahme des Egoismus mit gleichermassen hohem Anteil. Die Abnahme persönliche Kontakte durch soziale Medien, grössere Unterschiede in politischen Einstellungen und der Einfluss sozialer Medien auf Kommunikation und Information folgen mit einer ähnlicher Gleichwertigkeit.

Ein geringerer Familiensinn, der Einfluss der Medien und ein weniger ausgeprägtes Nationalbewusstsein werden als weniger signifikant für das Abschwächen des Zusammenhalts der Gesellschaft angesehen.

Die neuen, links-orientierten Modernisierer unser Gesellschaft, nehmen obligatorisch eine bessere, fortschrittlichere Ethik in Anspruch, bevorzugen einen multikulturellen Kosmopolitismus und ihr hypermoralischer Anspruch der Unbedingtheit führt zu einer obligatorischen Verachtung aller, die anderer Meinung sind und sich nicht dem propagierten, neuen Zeitgeist bedingungslos unterwerfen.

Somit erhebt sich für viele Bürger, welche nicht willig sind, dieser oktroyierten Alleinseligkeitsattitüde bedingungslos zu folgen, die Frage, welche Wertvorstellungen zukünftig in unserem Land eine prioritäre Wertigkeit innehaben werden.

Um diese Fragen beantworten zu können und um Einblicke in die heutige Wertelandschaft zu bekommen und zu ergründen, welche erstrebenswerten Lebensziele die Menschen heute und für die Zukunft haben, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine Studie in Auftrag gegeben. Sie beschäftigt sich mit der Zukunft der Wertvorstellungen der Menschen in unserem Land und d.ie daraus resultierende Publikation entstand im Rahmen des Dienstleistungsauftrags „Zukunftsbüro des Foresight-Prozesses (Foresight III)“ der Prognos AG und der Z_punkt GmbH.

Als relevante Bezugsbasis wurden zehn Wertegruppen festgelegt.

Soziale Wertegruppe:

Darunter sind Werte wie Familiensinn, Freundschaft oder Partnerschaft zu verstehen. Das heisst Werte, welche die Nähe und den Kontakt zu anderen Menschen und Bezugspersonen im sozialen Umfeld beschreiben.

Bewusstseinsorientierte Wertegruppe:

Im Zentrum dieser Wertegruppe steht eine von den persönlichen Gefühlen geleitete, bewusste und achtsame Lebensführung, die Rücksichtnahme auf sich und die unmittelbare Umwelt als Credo ansieht. Dabei habe die Werte Umwelt, Gesundheit und Nachhaltigkeit absolute Priorität.

Gemeinschaftsbezogene Wertegruppe:

Diese Werte beschreiben Bereiche, die auf die Zusammengehörigkeit von Gruppen oder auch ganze Gesellschaften abzielen. Der allgemeine Zusammenhalt, die soziale Hilfsbereitschaft und die Toleranz gegenüber anderen stehen im Vordergrund. Solidarität, Gleichheit, Gerechtigkeit, auch Generationengerechtigkeit und der Respekt gegenüber den Mitmenschen sind die Bestimmungsfaktoren.

Selbstbestimmungsorientierte Wertegruppe:

Werte, dieser dem Liberalismus zuzuschreibenden Gruppe, beschreiben im Grossen und Ganzen freiheitliche Themen, welche die Selbstverwirklichung jenseits gesellschaftlicher Zwänge und Abhängigkeiten erlauben sowie eine stringente Selbstorganisation ermöglichen. Sie stehen häufig im Gegensatz zu dem Wert der nationalen, politischen Sicherheit. Eine durch selbstbestimmtes Handeln ermöglichte Unabhängigkeit, schafft die Rahmenbedingungen für unterschiedlichste Lebensbereiche, angefangen bei der Familie und bei der finanziellen und politisch garantierten Unabhängigkeit.

Politikorientierte Wertegruppe:

Sie beinhaltet ein breites Spektrum im Bereich der Bereitwilligkeit und der persönlichen Verantwortungsübernahme im aktiven und passiven Polit-Wesen, in Form von Partizipation oder ausreichender Informiertheit.

Leistungsbezogene-materialistische Wertegruppe:

Hier werden insbesondere die berufliche Situation bzw. Wünsche und der persönliche Status berücksichtigt. Typische Werte sind z. B. Leistung, Lebensstandard oder Erfolg.

Hedonistische Wertegruppe:

Hier geht es um Werte, welche die Lust und Freude am Leben umschreiben, wie z. B. Abenteuer, Spass, Neugierde und Aufregung. Hedonismus wird in der heutigen Zeit negativ bewertet, da viele annehmen, dass es sich um eine egoistische, exzessive und übertriebene Form des Vergnügens handelt.

Normorientierte Wertegruppe:

Werte, die eine Gesellschaft stabilisieren und die Sicherheit oder Gesetzesakzeptanz widerspiegeln sollen. Allerdings wird Sicherheit häufig im Kontrast zur Freiheit diskutiert.

Gestaltungsorientierte Wertegruppe:

Werte, bei denen es in erster Linie um eine Offenheit für Neues geht. Dies betrifft in hauptsächlich die Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Technologien und Innovationen.

Traditionsorientierte Wertegruppe:

Althergebrachte Werte wie Religion, Konservatismus oder Nationalstolz, die in früheren Zeiten sehr wichtig waren, inzwischen aber grundlegend an Bedeutung verloren haben.

Wenn man die Gesamtheit dieser Wertegruppen betrachtet, sind in der heutigen Zeit soziale, auf individueller Ebene angesiedelte, Werte erstrebenswert, ebenso wie die selbstbestimmungsbezogenen Werte, welche über den gesellschaftsrelevanten, gemeinschaftsbezogenen Werten angesiedelt sind.

Erwerbsarbeit und Leistung bleiben zwar wichtig, doch die Verdichtung der Arbeit und der damit verbundene Leistungsdruck wird als zunehmend bedrohlich angesehen und von vielen abgelehnt. Ein gutes Leben zu haben, ist für die Mehrzahl absolut erstrebenswert und man hofft, dass die Digitalisierung und die Errungenschaften der künstlichen Intelligenz den Leistungsdruck mindern.

Dies hat zur Folge, dass ca. 69 Prozent der Gesellschaft, den Eindruck haben, dass sich die Wertvorstellungen immer mehr unterscheiden und 85 Prozent davon immer mehr Konflikte erwarten. Lediglich 15 Prozent haben diesen Eindruck nicht, was zumindest für mich überraschend ist.

Der Eindruck, dass zunehmend unterschiedliche Wertvorstellungen herrschen, ist in den einzelnen Bevölkerungsgruppen stärker bzw. weniger stark ausgeprägt. Je älter die Bürger sind, desto intensiver nehmen sie Unterschiede wahr (16- bis 29-Jährige: 53 Prozent; 60 Jahre und älter: 77 Prozent). Bei Bürgern, die Interesse an der Politik zeigen, ist naturgemäss der Eindruck einer divergierenden Wertvorstellung höher, wobei die Skeptiker, die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung und deren Polarisierung als Negativum wahrnehmen.

Die bisherige vertretene Sichtweise, dass die traditionellen, christlich geprägten Werte unserem Leben Orientierung, Sinn und Halt geben und in schwierigen Situationen als wichtige Entscheidungshilfe dienen, damit die gewünschten Ziele erreicht werden können, darf partiell, besonders bei den jüngeren Bürgern, als überholt angesehen werden.

Darüber zu lamentieren, dass die Digitalisierung daran schuld ist und obligatorisch zu einem eklatanten Werteverfall führen wird, ist allerdings falsch und fortschrittsfeindlich. Werte sind in einer Gesellschaft mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung etwas Persönliches, sie sind frei wählbar. Verhaltenswirksam werden sie in erster Linie durch die Festlegung gesellschaftlicher Normen.  Gerade in Zeiten starker gesellschaftlicher Veränderungen, wie sie im Zuge der digitalen Transformation auftreten, müssen sie immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden. Ihre individuelle sowie gesellschaftliche Rangordnung wandelt sich mit, genauso wie die Interpretation einzelner Werte.

Die Verschiebung von den kollektiven, gesellschaftlichen Grundsätzen in Richtung Individualität und Liberalismus führen naturgemäss zu einer Veränderung der Werte und ihrer Bedeutungsrangfolge. Dabei ist es normal, dass einige miteinander konkurrieren bzw. konträr zueinanderstehen. Wichtig ist, dass man sich auf Werte verständigt, die als Grundpfeiler für eine freiheitliche Gesellschaft dienen und die nicht durch sozialen und politischen Druck aufgezwängt wurden. Solange Grundwerte des Friedens, der Sicherheit und der freien Meinungsäusserung im Vordergrund stehen, muss es uns um unsere Demokratie nicht wirklich bang sein und sie werden der Kitt für die Bausteine unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung sein und bleiben.

Es ist ein Fakt, dass wir eine digitale Gesellschaft haben werden und es ist deshalb besonders wichtig dafür zu sorgen, dass die Digitalisierung ihre Versprechen für ein besseres Leben und eine lebendige Demokratie realisieren kann. Der digitale Wandel ist weder gut noch böse und wenn die Chancen genutzt werden, können die damit verbundenen Risiken durchaus so minimiert werden und die Gefahr, dass bekannten Denkweisen und Strukturen einfach in das Internet übertragen werden, ist nicht gegeben ist.  

Die Digitalisierung und die damit einhergehenden Informations- und Kommunikationspfade haben, im privaten und beruflichen Bereich, einen tiefgreifenden Wandlungsprozess verursacht. Die Anzahl der Kanäle, über welche die moderne Kommunikation stattfindet, haben sich geradezu inflationär erhöht und besonders die mobilen Geräte und die Verfügbarkeit des allzeit gegenwärtigen Internets haben dazu geführt, dass die Menschen ständig und an jedem Ort über Video-, Audio und Textkommunikation erreichbar sind und kommunizieren können.

Im Zuge der technologischen Neuentwicklungen, wobei die Präsenz der sozialen Medien eine manchmal auch unrühmliche Rolle spielt, ist das direkte Gespräch in den Hintergrund getreten und wurde, durch das Senden von Texten, Videos und Bildern, indirekter und leider auch unpersönlicher.

Die Geschwindigkeit der Veränderungen stellen viele Menschen jedoch vor grosse Herausforderungen. Besonders die Älteren haben den Eindruck, dass sie mit diesen Neuerungen nicht mehr Schritt halten können, was sowohl das Berufs- als auch das Privatleben betrifft.

Die gesellschaftspolitische Gestaltung der Digitalisierung erfordert, dass den damit überforderten Menschen wertebasierte Anker als Orientierung vermittelt werden, damit sie durch den digitalen Wandel nicht unter zu starken Druck geraten können. Es muss ein kultureller Austausch erfolgen, der Würde, Respekt und Gerechtigkeit gleichermassen als Handlungsmaxime für die Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen darstellt, egal ob die Menschen von Angesicht zu Angesicht oder mithilfe der neuen Medien und Kommunikationsmittel in Kontakt treten.

Digitale Hilfsmittel können ohne weiteres auch für ältere Menschen sehr hilfreich sein und sie beim längeren, selbstbestimmten Leben zu Hause unterstützen.

Nur wenn die Gesellschaft die Digitalisierung bejaht und zugleich definiert, welche Regeln sie sich wünscht und braucht, werden wir vernünftig weiterkommen. Wir brauchen einen digitalen Aufbruch, der Chancen und Sicherheit, aktuelle Fähigkeiten und neues Wissen kombiniert, damit Leitbilder entlang eines ausgewogenen Ordnungsrahmen entstehen, welche eine Digitalisierung für viele und nicht für wenige realisiert.

Leider beurteilen viele Bürger die zu erwartende Zukunft, aus der heutigen Perspektive betrachtet, pessimistisch. Sie befürchten, dass solidarische und soziale Werte nicht wichtiger, sondern an Bedeutung verlieren würden. Die Welt, in der wir leben werden, wird stark materialistisch und von Egoismus geprägt sein. Der Politik wird es nicht gelingen, auf die Menschen zuzugehen und die Technik wird immer mehr unser Leben bestimmen.

Nach einer Erhebung des D21-Digital-Index stehen immer noch rund 18 Millionen Menschen in Deutschland im „digitalen Abseits“, was ungefähr einem Viertel der Bevölkerung entspricht. Sie verfügen über geringe oder gar keine digitalen Kompetenzen, bleiben bei der Nutzung der digitalen Möglichkeiten aussen vor und zeigen kein Interesse an digitalen Trends. Deutschland weist nach wie vor eine deutliche digitale Spaltung auf. Hinzu kommt, dass der Anteil der Menschen, die als digital erfahren gelten, eher leicht sinkend ist.

Deshalb muss der Staat dringend die Digitalisierung mit einer möglichst breiten Partizipation aller gesellschaftlichen Gruppen am wirtschaftlichen Aufschwung begleiten. Es gilt, die Spaltung in Verlierer und Gewinner eines digitalen Zeitalters zu verhindern.

Durch die spektakuläre Berichterstattung der Mainstream-Medien und der im Internet und in den sozialen Medien propagierten und von der Politik sanktionierten Katastrophenszenarien, wird ein Alarmismus erzeugt, der den Eindruck erweckt, dass eine menschliche Zukunft, ohne die Moderne nicht mehr möglich ist und konservative Wertvorstellungen bedeutungslos werden. Es ist sicherlich ein Fehler diese meist populistischen Darstellungen pessimistisch vorzuverurteilen und negativ zu bewerten.

Anstelle dieser Negativberichterstattung sollte nachhaltig vermittelt werden, dass der, durch die fortschreitende Digitalisierung und Implementierung der künstlichen Intelligenz verursachte, Wertewandel keinen Werteverlust bedeuten wird.

Der Wandel der Werte ist, auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens, mit einem Emanzipationsprozess des einzelnen Bürgers verbunden. Der moderne Mensch kann selbstständiger und individueller handeln, ist für seine Entscheidungen und die Folgen seines Handelns aber auch stärker verantwortlich. Das gilt nicht nur in Bezug auf das eigene Leben und den Umgang mit den Mitmenschen, siehe Pandemie, Migration etc., sondern trifft auch in zunehmenden Masse auf die Belange der Umwelt zu, siehe Klimawandel.  

Gesellschaftliche Normen, Rollen und Pflichten werden fortwährend in ihrer Geltung hinterfragt, d. h. persönliche Werte können nach Überzeugung gewählt und in einer individuellen Lebensplanung, die Familie, Ausbildung, Beruf und Freizeit betreffend, als sog. Werte-Hybride kombiniert werden. Diese Gestaltungsfreiheit bedeutet gleichzeitig, dass das Individuum mehr Verantwortung tragen muss und der Entscheidungsdruck entsprechend hoch ist.  

Dabei können Werteorientierungen nebeneinander bestehen und sich individuell und gruppenspezifisch mischen. Dies könnte beispielhaft bei der persönliche Selbstverwirklichung im Verbund mit Leistungsorientierung, bei den Genuss- und den Pflichtwerten und einer sozial bewussten Sachbezogenheit, im Rahmen einer moralischen und ökologischen Verträglichkeit, der Fall sein.

Leider hat sich in den letzten Jahren bei den Bürgern eine gewisse Parteien- und damit einhergehende Politikverdrossenheit breit gemacht, die eine negative Haltung gegenüber politischen Themen und Phänomenen aufzeigt. Neben Desinteresse, ist Ablehnung, Unzufriedenheit und Misstrauen zu verzeichnen, was allerdings (noch?) keine fundamentale Ablehnung der Grundprinzipien einer freiheitlichen Demokratie bedeutet, aber die gesellschaftliche Teilhabe darunter leidet.

Gerade die jüngeren Generationen, die in den Wohlstand hineingeboren wurden, hinterfragen das starre und gruppenorientierte Wertesystem ihre Väter und erheben Anspruch auf Selbstverwirklichung, welche durch die Nutzung der neuen Kommunikationsmedien eine neue Wertigkeit erlangt hat. Dies darf aber nicht zur Folge haben, dass sich die „Alten“ und Konventionellen das Recht herausnehmen, sich diesem Wandel zu verweigern und den Trend der Digitalisierung nicht mitzumachen.

Offenheit im loyalen Miteinander und eine ausgewogene, wechselseitige Rücksichtnahme, ist unbedingt notwendig, damit eine zukunftsorientierte, digital ausgerichtete Gesellschaftskultur für alle Bürger realisiert werden kann. So muss man nicht obligatorisch mit alten Traditionen brechen, muss aber den Mut aufbringen, ohne Vorbehalte aufeinander zuzugehen und sich genügend Zeit lassen, damit eine gemeinsame Zielkultur erarbeitet werden kann.

Dies in einer Zeit zu realisieren, wo der Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann und dabei das Bröckeln des rechtsstaatlichen Fundaments auf Kosten unerfüllbarer Erwartungen billigend in Kauf nimmt, macht diesen notwendigen Generationen-Schulterschluss nicht einfacher.

Wir haben leider das Manko, dass wir zur Realisierung des Wertewandels keine starken, ausseralltäglichen Vorbilder haben, mit denen wir uns identifizieren können und die uns einen Pfad aufzeigen, wie wir uns im Alltag moralisch zueinander verhalten sollen, ohne dabei ideologischen Zwängen zu unterliegen und von extremen Kräften indoktriniert zu sein.

Die in den Medien dargestellten ethischen Vorbilder erweisen sich oft als intellektuelle Trugbilder, da ihnen anscheinend die Alltags-Wirklichkeit fremd ist und sie vornehmlich einer ökologisch dominierten Sozialromantik frönen, welche eine interdisziplinäre Kommunikation nicht ausreichend berücksichtigt und die notwendige Kontextsensibilität unterentwickelt erscheinen lässt. Nur der Charakter des Pseudo-Vorbildhaften und die einseitige Einschränkung auf ethisch-moralische Qualitäten reicht in Zeiten des dynamisierten Wandels nicht mehr aus.

Wer als Vorbild überzeugen will, muss Wegbereiter sein und den Kurs für sich schon praktisch verinnerlicht haben, auf den er jene mitnehmen will, die er dafür gewinnen will. Das erfordert weit mehr als nur eine vermeintlich ethische Tadellosigkeit und die Akzeptanz von Anstand, Moral oder Gerechtigkeit.

Im klassischen Sinn sollten eigentlich die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft ein Vorbild für die Mehrheit einer Gesellschaft sein, doch diese sind schon seit Jahren meilenweit davon entfernt und sie beschäftigen sich hauptsächlich in den Medien ihren Status und die damit verbundenen Macht zu sichern, anstatt ihre vollmundigen Versprechungen einzulösen.

Es wird mehr und mehr deutlich, dass eine neue und überzeugende politische Kultur des Versprechens und des Einhaltens notwendig und geboten ist, um die Vertrauensverluste in der Bürgerschaft zu kompensieren und die Überzeugungsarbeit zu leisten, die für die generationenübergreifende digitale Transformation zur Stärkung des Gemeinsinns dringend erforderlich ist.

Die Förderung von Bildung, Teilhabe am Arbeitsleben, Verbesserung der kulturellen Integration oder die Lösung der vielfältigen Zukunftsaufgaben, wird ohne die Macht des glaubhaften Versprechens und der konsequenten Befolgung der Lösungswege nicht möglich sein und keinen wirklichen Fortschritt bewirken.  

Politisches Handeln, basierend auf demokratischem Selbstverständnis mit dem Ziel der Verwirklichung von mehr Gerechtigkeit und mehr Chancen zur Mitbeteiligung der Bevölkerung ist der Schlüssel für eine ausgewogenen Wertepolitik.

Der neue Bundeskanzler Scholz irrt sich gewaltig, wenn er propagiert, dass in Deutschland keine soziale Spaltung zu erkennen ist. Die Bevölkerung ist nicht nur gespalten sondern auch zerrissen und die Radikalisierung nimmt permanent zu, ebenso wie der Hass in den sozialen Netzwerken. Die Koalitionäre vergessen, dass sie mit einem eklatanten Wortbruch ihre politische Tätigkeit aufgenommen haben und alle nun die allgemeine Impfpflicht einführen wollen.  

Es ist daher nicht verwunderlich, dass diese 180-Grad-Wende viele Bürger aufgeschreckt hat und sie daran zweifeln, dass der im Koalitionsvertrag versprochenen Respekt für andere Meinungen, für Gegenargumente und Streit sowie für anderen Lebenswelten und Einstellungen, tatsächlich befolgt wird und nicht nur ein populistisches Lippenbekenntnis darstellt.

Nicht Rechthaberei, sondern Skepsis gegenüber den anderen wie den eigenen Positionen muss der Keim allen Fortschritts sein. Wer meint, er könne sich die Mühen des Argumentierens, Zuhörens und Streitens ersparen, weil er die Macht dazu hat, der wird die Macht verlieren. Verantwortliche Politik muss den Lösungs- und Handlungsraum offen halten und sich an der Evidenz orientieren.

Ungeachtet dessen, muss der am Gemeinwohl interessierte und partizipierende Bürger von sich selbst aus den Gebrauch und die Förderung der Freiheit fordern und aktiv praktizieren und sich nicht passiv seinem Schicksal ergeben.. Die daraus resultierenden wechselseitigen Begünstigungen werden nicht dann die partielle Abschaffung von Werten verursachen, sondern deren ständige Erneuerung bewirken.

Das gibt zu Hoffnung Anlass, dass eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung nicht das Ende der traditionellen Wertvorstellungen bedeutet, sondern einen Beitrag leisten kann, dass diese den Anforderungen der modernen Gesellschaftsstruktur angepasst wird. Damit alle gleichermassen von der Digitalisierung profitieren, müssen Gemeinwohl und gesellschaftliche Teilhabe im Zentrum digitalpolitischer Debatten stehen.

Zivilgesellschaftliche Stimmen müssen mehr gehört und an politischen Prozessen beteiligt werden. Wenn die Regierenden das immer noch nicht erkennen können oder wollen und auf ihrer apodiktischen Rechthaberei beharren, dann sehen wir sehr turbulenten Zeiten entgegen und der erhoffte soziale Friede und lebenswerte Fortschritt rückt immer weiter in die Ferne.

Es gibt viel zu tun.

Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten

Abraham Lincoln


 

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2 Comments

  1. Ich gebe Dir 5 Sterne, auch wenn Du immer wieder in Dein bewährtes Verhaltensmuster verfällst und in Deinen Artikeln die LINKS-Ausrichtung in der Bevölkerung irgendwo erwähnst. Im Gesamtkontext Deiner Rückschlüsse ist das überflüssig. Du beschreibst alles sehr gut und richtig, aber dann kommt wieder ein „Schlenker“ gegen die „linken“ Weltverbesserer. Lass sie doch mal, denn die „rechten“ Reaktionäre und Nationalisten sind durchaus spaltender.

    • Mein sogenanntes bewährtes Verhaltensmuster mit der LINKS-Ausrichtung unserer Politik ist nun einmal die nackte Realität. Die Regierung besteht nun einmal aus überwiegend links-orientierten Weltverbesserern und die „rechten“ Reaktionäre und Nationalisten spielen keine besondere Rolle bei der Gestaltung unser Politik im Innen- und Aussenverhältnis. Sie sind aggressive Störenfriede mit verfassungsfeindlichen Tendenzen und versuchen das Volk aufzuwiegeln und auch zu spalten. Was allerdings die Spaltung und Zerrissenheit der Gesellschaft anbelangt, lässt der Rest der politischen Landschaft nichts unversucht, diese ebenfalls voranzutreiben. Es versteht sich ja fast von selbst, dass unser Neukanzler das nicht als gegeben ansieht und seine Hände wiederum einmal mehr in Unschuld wäscht und diese Tendenzen ignoriert. Daran werden wir uns in Zukunft gewöhnen müssen, doch werde ich trotzdem nicht nachlassen dagegen zu wettern und meine Standpunkte darzulegen, auch wenn sie mir als zu einseitig ausgelegt werden. Ich kann nicht akzeptieren, dass wir zunehmend zu einer Umverteilungsgesellschaft mit planwirtschaftliche Ausrichtung mutieren und dabei das Gemeinwohl einseitig beschnitten wird. Kollektive Armut und überzogener Verzicht gehört nicht zum meiner Lebens-DNA und ich schäme mich nicht, das auch meinem Umfeld zu vermitteln

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