Transhumanismus und der Untergang der menschlichen Intelligenz

Technologieoptimismus der zwiespältigen Art
Digitalisierung ist das Zauberwort der Gegenwart, ohne dass Politiker kaum noch Reden halten können und den Eindruck erwecken wollen, dass es ohne ihr keine Zukunft geben kann. In diesen Monologen vermitteln sie gern Visionen des leichteren Leben, wo die Mitbestimmung der Menschen gut simuliert, Konflikte durch künstliche Intelligenz eingeengt, Energieverbrauch und Stoffkreisläufe perfekt organisiert und dazu noch das Klima gerettet wird.
In ihrer Grundbedeutung bezeichnet die Definition der Digitalisierung einen mechanischen Vorgang, bei dem physikalische Daten in ein digitales Format “übersetzt“ werden. Die aus Einsen und Nullen bestehenden Informationen können nicht verzerrt werden, ihre Übertragung geschieht ohne Verluste und können in den Kommunikationsnetzwerken auf der ganzen Welt verwendet, gespeichert und verarbeitet werden.
Es wird dabei aber nur sehr unzureichend vermittelt, dass der Begriff der Digitalisierung mehrere, unterschiedliche Bedeutungen und Betätigungsfelder aufweist. Neben der ursprünglich bekannten Umwandlung und Darstellung von Information und Kommunikation, spielen zunehmend das Internet der Dinge, die Künstliche Intelligenz (KI), Big Data und Cloud Computing eine wesentliche Rolle, welche zu einer Verschmelzung der Realität mit der Virtualität führt, die man durchaus als umstritten ansehen kann.
Ich muss gestehen, dass ich mich mit der Thematik der digitalen Identität, der künstlichen Intelligenz, dem Trans- und Posthumanismus bisher nur sehr oberflächlich beschäftigt und ich diese Forschungs- und Entwicklungsstufen überwiegend unter Science-Fiction abgespeichert hatte.
Ich registrierte nicht, dass wir uns bereits mitten in einem grossen evolutionären und sozialkulturellen Übergang der Informationsverarbeitung befinden, der versucht Technologie, Biologie und Gesellschaft zu verschmelzen und dessen Eigendynamik schon sehr weit fortgeschritten ist und als unaufhaltsam erscheint.
Der Philosoph und Futurologe Max More definierte den Begriff Transhumanismus, welcher auf dem Weg ist, sich zu einem geflügelten Wort der Neuzeit zu entwickeln, folgendermassen: „Er ist eine von lebensfördernden Prinzipien und Werten geleitete Weltanschauung, welche die Fortsetzung und Beschleunigung der Evolution des intelligenten Lebens jenseits seiner gegenwärtigen menschlichen Form und Grenzen mit Hilfe von Wissenschaft und Technologie anstrebt.“
Diese Denkrichtung löst bei mir keinerlei Begeisterung aus, weil ich befürchte, dass er die Tradition des Humanismus konterkariert und die Neurowissenschaft zu einem gefährlichen Instrumentarium werden lassen könnte.
Die apostrophierte „Vierte industrielle Revolution“, die sich „Soft-Power-Techniken“ aus dem Silicon-Valley bedient, welche menschliche Arbeit durch Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ersetzen sollen, werden genutzt, um dem Extrem des kapitalistischen Wirtschaftens Nachdruck zu verleihen.
Wenn man den Worten des Historiker Eric Hobsbawm Glauben schenken darf, operieren die komplexen Zivilisationsgefüge der westlichen Welt zunehmend am Rande des Chaos und es hat den Anschein, dass der Mensch auf Dauer nicht geschaffen ist, in einem System der global ausgerichteten, kapitalistischen Produktion zu arbeiten.
Deshalb haben viele Nationen beschlossen, einem drohenden Kollaps auf den Energie-, Lebensmittel- und Rohstoffmärkten vorzubeugen und wollen eine automatisierte Geschlossenheit erreichen, welche in Zukunft gewährleistet, dass existenzbedrohende Abhängigkeiten, wie sie nach Beginn des Ukrainekrieges zu Tage getreten sind, sich nicht mehr bilden können.
Eine präferierte sozial-liberale Entspannungspolitik gegenüber dem Osten, die auf politische Aussöhnung und wirtschaftliche Annäherung ausgerichtet war und wo man den friedlichen, koexistenziellen Wandel durch Handel erreichen wollte, hat sich als eine fatale Fehleinschätzung und Gegenwartsirrtum erwiesen, ebenso wie die Auffassung, dass da wo geredet, nicht geschossen wird.
Wie die letzten Jahre eindeutig bewiesen haben, kann ein ausgeprägter Expansionsdrang von westlichen Bündnissen, eine kriegerische Invasionslust und regionale Grossmachtpolitik seitens der diktatorischen Gegenspieler bewirken, die jüngst wieder einmal nackte Realität geworden ist und Invasionen dieser Art noch als Schreckgespenst in anderen asiatischen und islamistischen Landstrichen im Raum stehen.
Ob jedoch die Dematerialisierung und Neuverteilung der Welt, welche durch einen digitalen, transhumanen Darwinismus angestrebt wird, bei dem sich der Mensch in einem Wechselspiel zwischen Optimierung der körperlichen Funktionen und Degenerierung gegenüber der maschinellen Intelligenz bewegt, den Königsweg für eine allumfassende, gerechte Verteilung von Waren und Dienstleistungen darstellen kann, darf mehr als bezweifelt werden.
Aufgrund der unterschiedlichsten globalen Interesselagen und den einseitigen Eigentumsverhältnissen, dürfte es unmöglich sein, einen Schlüssel zu finden, der eine gerechte Umverteilung der Einkommen und Megagewinne auch für die Ärmsten der Armen sicherstellt und eine unzureichende Kompensation dafür sorgt, dass die Kluft zwischen Arm und Reich noch grösser wird, wie sie jetzt schon ist.
Wesentliche Pfeiler des Transhumanismus
Die Einzigartigkeit des gesamten Transhumanismus wird durch die Verortung der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, genauer gesagt zwischen Gehirn und Computer dargestellt, durch welche eine Verschmelzung von Natur und Technik ermöglicht werden soll.
Der Grundgedanke ist, dass sich der menschliche Geist in Zukunft von seiner neuronalen Grundlage abkoppelt und in ein digitales Gehirn uploaden lassen, das in einer Cloud gespeichert wird.
Was dies für die Gesellschaft und Demokratie bedeutet, ist nicht die Frage der technologischen Machbarkeit, sondern wer die moralisch-ethische Hoheitsgewalt über eine solch gewaltige Macht ausüben soll und kann.
In den computergesteuerten Netzwerken der herkömmlichen Art gibt es Webmaster, Administratoren, diejenige, welche die Passwörter kennen und Upgrades hochladen können, wobei die damit verbundenen Tätigkeiten auf einen begrenzten Bereich anwendbar sind und deren Genehmigungen temporär durch spezielle Lizenzen erworben werden können.
Wer soll aber auf dem weiten Feld der digitalisierten, künstlichen Intelligenz die Global Governance (Globales Regierungshandeln) als ordnungspolitisches Instrumentarium übernehmen, welche für die Gestaltung der kooperativen und hochkomplexen, multilateralen Entscheidungsstrukturen verantwortlich zeichnen.
Wer wird dafür Sorge tragen, dass die immer wirksamer werdende Cyberkriminalität nicht zu einer latenten Gefahr des virtuellen Terrorismus wird, der weltweite Denk- und Produktionsprozesse innerhalb von Sekunden lahmlegen und nachhaltige Kollateralschäden von ungeheurem Ausmass verursachen kann.
Der Albtraum, dass die Menschen nach transhumanistischer Vorstellung in wandelnde, gläserne und auslesbare Datensätze mutieren sollen, um von Big-Data-Konzernen mit staatlichen Gewalten und den Geheimdiensten vollständig durchleuchtet, effizient kontrolliert und ökonomisch maximal ausgebeutet werden zu können, darf niemals eine Orwellsche „Big Brother is watching you“-Realisierung erfahren.
Wenn es auch transhumanistische Strömungen gibt, welche die Grenzen der Biologie einreissen wollen und den Menschen mit allen verfügbaren Mitteln der funktionellen Genomik (Krebszellencharakterisierung), Neurowissenschaft, Robotik, Nanotechnologie sowie der künstlichen Intelligenz gezielt zu Neuzeit-Zombies optimieren wollen, sind im Transhumanismus auch durchaus ernstzunehmenden Denkrichtungen zu verzeichnen.
Ein neues Menschenbild soll mithelfen eine resilientere Form der Globalisierung zu schaffen, in der die individuellen Freiheiten aus „höherer Notwendigkeit“ betrachtet, eingeschränkt oder ganz aufgehoben werden können. Das hat zum Ziel, Gesellschaften so umzugestalten, dass die destruktiven Fliehkräfte einer an die Grenzen gekommenen kapitalistischen Wirtschaftsweise, domestiziert, gebunden und wieder beherrschbar gemacht werden können.
Damit soll eine Befreiung aus dem Dilemma gelingen, in das uns eine verfehlte, ideologisierte Politik und ein exzessiver, neoliberaler Finanzmarkt-Kapitalismus geführt haben und gleichzeitig eine globale wettbewerbspolitische Neuausrichtung bewirken. Allerdings kann ein Missbrauch durch finstere Mächte auch das genaue Gegenteil bewirken.
Die für den Menschen sicherlich erstrebenswertesten transhumanistischen Entwicklungsstufen, dürfte die Erweiterung der regenerativen Medizin durch die Möglichkeiten der Biotechnologie, der Nanotechnik und den Gentherapien darstellen. In Verbindung mit der menschlichen Evolutionsstufe der „Cyborgisierung“(Digitalisierung des Menschen), wobei Implantate und künstliche Helfer nicht nur Gebrechen lindern und heilen sollen, sondern damit auch gesunde Menschen leistungsfähiger gemacht und deren Leben verlängert werden können, wird eine genetische Verbesserungsstrategie angestrebt, die hingegen Konzepten der Eugenetik gleichkommen, die im Grundsatz abgelehnt werden sollten.
Der Begriff Eugenik wurde 1883 erstmals als die Gesamtheit der Ideen und Aktivitäten, die darauf abzielen, die Qualität der menschlichen Rasse durch die Manipulation des biologischen Erbgutes zu verbessern definiert. Massnahmen, die der Vermehrung von Menschen dienen, deren Erbanlagen erwünscht sind oder als positiv bewertet werden, werden als „positive Eugenik“ bezeichnet, Massnahmen zur Verhinderung der Vermehrung von Menschen, deren Erbanlagen unerwünscht sind oder negativ eingestuft werden, werden als „negative Eugenik“ bezeichnet.
Die Erforschung von sozial kontrollierten Faktoren, welche die genetischen Eigenschaften künftiger Generationen körperlich oder geistig verbessern oder beeinträchtigen können, nahmen im Dritten Reich einen breiten Raum ein.
Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus 1945 wurde die eugenische Praxis in Deutschland deutlich eingeschränkt, doch gibt es noch heute in der Bundesrepublik gesetzliche Regelungen und staatlich tolerierte Praktiken, die eugenischen Prinzipien gehorchen.
Julian Huxley, der erste Generaldirektor der UNESCO, der als einer der geistigen Väter des evolutionären Humanismus, aus dem der Transhumanismus sich dann entwickelte, bemerkte bereits im Jahr 1947: „Auch wenn es sicher wahr ist, dass jegliche radikale eugenische Politik für viele Jahre politisch und psychologisch unmöglich sein wird, wird es für die UNESCO wichtig sein, zu erkennen, dass das Eugenik-Problem mit grösster Sorgfalt untersucht wird und das öffentliche Bewusstsein über die Sachverhalte so weit informiert wird, dass das Undenkbare wenigstens denkbar wird.“
Inwieweit weiterführende Überlegungen bezüglich der positiven und negativen Eugenik eine weltweite Akzeptanz erfahren werden können, macht neue ethische Diskussionen und Definitionen notwendig, die normativer Art sein müssen, bei denen neben den rechtlichen Aspekten auch psychische und physische Sichtweisen anzuwenden sind.
Wissenschaftliche Forschung und Datafizierung
Das transhumanistische Denken der Neuzeit kreist um die Vorstellung, dass die immensen Fortschritte, welche auf den Gebiet der Programmierung und der Rechenleistungen der Computer erzielt werden können, es möglich macht, dass eine, auf Algorithmen (Vorgehensweisen zur Problemlösung) basierte Superintelligenz geschaffen wird, die dem menschlichen Denken, Planen, Abwägen, Urteilen und Entscheiden meilenweit überlegen ist.
Es wird ein gesellschaftlicher Zustand angestrebt, in dem das Digitale quasi alle Aspekte unseres Lebens durchdringen soll und er Mensch zum Anwender und Bediener dieser Technik degradiert wird, ohne dabei über die Datenhoheit zu verfügen und die Systematik der Programmierung im Detail zu kennen.
Das expansive Wachstum gespeicherter Daten ist überwältigend und laut dem Leibnitz-Preisträger Prof. Dr. Steffen Mau nimmt man an, dass die Menschheit heute innerhalb von zwei Tagen so viele Daten generiert, wie in ihrer gesamten Geschichte vor dem Jahr 2003. Hinzu kommt, dass man diese unglaublichen Datenmengen noch miteinander verknüpfen kann und Wucherungsprozesse entstehen können, deren Ende unabsehbar ist.
Wir sind auf dem Weg zu einer neu konstituierten, datengetriebenen Prüf-, Kontroll- und Bewertungsgesellschaft, die nur noch das glaubt, was in der Kathedrale der Zahlen vorliegt und durch die soziale Klassifizierungsprozesse vorgenommen werden.
Dieser transhumanistische Dataismus (Glaube an Daten) will das Verhalten und das Zukunftsdenken der Menschen, durch Verdatung, Regelungstechnik und Computersteuerung berechenbar machen und die Entwicklung zielt darauf ab, dass es möglichst bald keine Möglichkeit mehr geben soll, sich dem Dogma der künstlichen Intelligenz entziehen zu können.
Ein Algorithmus, der meinen Körper und mein Gehirn überwacht, könnte exakt wissen, wer ich bin, wie ich mich fühle und was ich will. Dieser Computerklon könnte für uns schon zu Lebzeiten den Wahlzettel ausfüllen, die Einkäufe online im Netz erledigen und E-Mails schreiben. Nach dem Tod würde er im Netz fortleben. Manchen Bekannten würde gar nicht auffallen, dass wir gestorben sind. Frankenstein lässt grüssen.
Durch diese beabsichtige Effizienzsteigerung würde dem Menschen die Möglichkeiten des autonomen Handelns entzogen, er wird zur willigen Marionette von Eliten, welche eine extreme, kontrollierende Macht besitzen, die weit über die bisher bekannte Geld- und Weisungskompetenz der Wirtschaft und Politik hinausgehen und der manipulativen Korruption ein neues Betätigungsfeld ermöglichen wird.
Das sind dystopische Aussichten, die bei mir einen Schauer des blanken Entsetzens hervorrufen, weil imaginäre, futuristische Technologien dieses Genres ein Worst-Case-Szenario darstellen, welches dem Untergang der menschlichen Zivilisation nahekommen würde.
Die Vision, irgendwelchen Rechenformeln mehr zu trauen als dem kognitiven Denkvermögen und der inneren Stimme, ist ein futuristisches Horrorszenarium für mich und ich hoffe, dass ich diese Entwicklung nicht mehr bei wachem Geist miterleben muss.
Der verbesserte Mensch
Den Menschen intelligenter, gesünder, stärker und immer glücklich zu machen und die Fähigkeit des Köpers mit allen verfügbaren Mitteln optimieren zu wollen, ist das Credo des Transhumanismus. Damit akzeptieren sie auch Krankheiten wie Krebs oder das Altern selbst nicht als Zwangsläufigkeit, genauso wie HIV oder gebrochene Gelenke.
Es leben etwa sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Wenn die Bevölkerung so weiterwächst, wie prognostiziert, besteht die Gefahr, dass die Ressourcen knapp werden und es noch in diesem Jahrhundert zum Kollaps kommt.
Deshalb sehen viele Forscher in der biotechnologischen Weiterentwicklung des Menschen die grosse Chance, diesen zu einem intelligenteren und robusten, posthumanen Wesen zu formen, das allen geostrategischen Anforderungen gerecht wird und auch die Auswirkungen des Klimawandels problemlos verkraften kann.
Die Menschen haben in der transhumanistischen Denkweise die moralische Pflicht, ihr Erbgut so zu verändern, dass künftige Generationen über einen leistungsfähigeren, weniger krankheitsanfälligen Körper verfügen. Während die natürliche Evolution Jahrtausende in Anspruch nimmt, wollen Transhumanisten mit all diesen Methoden innerhalb der kommenden Jahrzehnte den neuen Menschen schaffen.
Diese restriktive Denkart der moralischen Verpflichtung, diese Technologien einzusetzen, aber gleichzeitig auch eine gewisse Wahlfreiheit zuzulassen, ist im Kern paradox. Durch diese Bipolarität wird ein psychologischer Drucks auf die Gesellschaft ausgeübt, welche besonders diese Menschen betrifft, die aus ethisch-moralischen Gründe nicht willens sind, diese Möglichkeiten wahrzunehmen, aber es ihnen als Mitglied einer Gemeinschaft nur schwer möglich sein wird, sich diesen, ohne Nachteile und Diskriminierungen, entziehen zu können.
Weiterhin gilt es zu bedenken, dass sowohl herkömmliche, nicht durch Gentechnik und künstliche Intelligenz beeinflusste Menschen als auch posthumane Hybridmenschen weiterhin existieren, aber letztere aufgrund ihrer überragenden Fähigkeiten über die ersteren dominieren werden.
Daraus könnte sich eine unerwünschte, technologische Einzigartigkeit entwickeln, bei der an einem hypothetischen Zeitpunkt das technologische Wachstum unkontrollierbar und irreversibel wird, was zu unvorhersehbaren Veränderungen in der menschlichen Zivilisation führen könnte.
Der britische Astrophysiker Stephen Hawking, der sein ganzes Leben auf der Suche nach der Theorie, die alles erklärt war und selbst Erkenntnisse über den Urknall, Schwarze Löcher und die Quantenphysik lieferte, hat mit grosser Besorgnis bemerkt, dass ein Erfolg bei der Entwicklung von KI das grösste Ereignis in der Geschichte der Menschheit wäre, aber auch das letzte sein und deren vollständige Umsetzung das Aussterben der Menschheit bedeuten könnte.
Die Folgen der Einzigartigkeit und deren unkalkulierbare Vorteile, Risiken und potenzielle Nutzeffekte zum Wohl oder Schaden für die Menschheit müssen intensiv diskutiert werden. Er warnt vor einer Technologie, welche die Finanzmärkte überlistet, menschliche Forscher überlistet, menschliche Anführer überlistet und Waffen entwickelt, die wir nicht einmal verstehen können.
Die verbesserte Technik
Starke Künstliche Intelligenz, auch Artifical General Intelligence (AGI), ist die Vorstellung einer künstlichen Intelligenz, die genauso gut wie ein Mensch jegliche intellektuelle Aufgabe verstehen oder erlernen kann.
Es ist nicht bestreitbar, dass Roboter und andere Systeme bereits in grossem Umfang die Tätigkeit von Menschen übernehmen. Dies betrifft in zunehmendem Masse auch den Dienstleistungssektor.
Das Nutzen der künstlichen Intelligenz im Alltag schreitet permanent voran, wie man an einigen der nachfolgenden Beispiele unschwer ersehen kann:
Persönliche digitale Assistenten am Smartphone oder PC wie Gesichtserkennungssysteme, Websuche, automatische Übersetzung von Texten etc.
Online-Shopping und Werbung
Internet der Dinge mit verbundenen Küchengeräten, Uhren, Kameras etc.
Autonome Autos, fahrerloser Taxi-Service und Zubringerdienste
Optimierung von Produkten und Vertriebswegen, Roboter in Fabriken
Smart Farming wie, Bewässerung, Tierfütterung Unkrautjäten etc.
Wenn es auch bis zur angestrebten Super-KI noch eine Weile dauern wird, gibt es Fähigkeiten, die durchaus positiv zu bewerten sind und einen hohen Nutzen für unseren Alltag aufweisen, aber teilweise auch noch mit Schwächen aufwarten, die es kritisch zu betrachten gilt.
Zu den positiven Fähigkeiten zählen das Sehen, Hören, Sprechen, Lesen, Schreiben, Denken, Riechen und Fühlen. Die Roboter-Empathie, befindet sich noch in Anfängen und sie soll Emotionen in Gesichtern, Chatnachrichten oder der Stimme identifizieren. Eine Gruppe Forscher konnte schon zeigen, dass die Analyse von Facebook-Nachrichten bei der Früherkennung psychischer Krankheiten helfen kann und Überwachungssysteme mit Emotionserkennung möglich sind. Es gibt auch schon Roboter, die das Verhalten anderer Roboter vorhersagen kann.
Weniger erfreulich sind die negativen Auswüchse der professionellen Manipulationen von Bildern, welche durch die sog. GAN-Technologie (Generative Adversarial Network) und deren Algorithmen für unüberwachtes Lernen hervorgerufen werden. GANs werden unter anderem zur Erstellung fotorealistischer Bilder, zur Modellierung von Bewegungsmustern in Videos, zur Erstellung von 3D-Modellen von Objekten aus 2D-Bildern und zur Bildbearbeitung astronomischer Bilder verwendet.
Nachdem Dank Donald Trump, der Begriff „Fake News“ in unserem Sprachgebrauch eine traurige Berühmtheit erlangt hat, ist eine neue Dimension von KI generierten Bild und Video-Fälschungen im Internet unterwegs, welche unbegrenzt skalierbar sind. Persönlichen Diskriminierungen und Verunglimpfungen sowie der Verbreitung politischer Propaganda und Schmutzkampagnen sind damit Tür und Tor geöffnet und können die Meinungsbildung massiv beeinflussen, was einer digitalen Inkontinenz gleichkommt.
Anhand der positiven Beispiele wird einem schnell klar, dass unser Leben ohne die Technik der KI nur schwer vorstellbar ist und wenn man sich ihr verweigert, die Nachteile überwiegen könnten.
Durch die digitale Vernetzung von Produkten und Dienstleistungen, Produktions- und Vertriebssystemen sowie von Prozessen innerhalb von Unternehmen und zwischen Unternehmen und Konsumenten entstehen vielfältige Möglichkeiten, um die Leistungsfähigkeit und den Nutzen von Angeboten, Verfahren und Abläufen zu erhöhen und neue Lösungen zu entwickeln.
Neben ethischen, kulturellen und organisatorischen Fragen geht die Nutzung von KI auch mit zahlreichen Herausforderungen und Hürden einher, die Segen und gleichzeitig auch Fluch bedeuten können. Ihr Einsatz ist keinesfalls ein obligatorischer Erfolgsgarant im Innovationsprozess und die pure Erzielung von mehr Kontrolle, um grössere Gewinne zu erwirtschaften, darf durchaus als fragwürdige Entwicklung angesehen werden.
Künstliche Intelligenz kann sich segensreich auswirken oder zum Alptraum werden. Die Grenze ist nicht einfach zu benennen. Vom ethischen Standpunkt sollte man aber immer dann die Finger davonlassen, wenn künstliche Intelligenz über menschliche Lebensschicksale entscheidet und dabei über Menschen richtet.
Da es noch relativ viele Menschen gibt, die sich weder um Umweltfragen als auch um den technischen Fortschritt scheren, wird vermutlich eine gedankliche Kluft zwischen Transhumanismus und Posthumanismus unsere digitale Zukunft bestimmen.
Computerforscher warnen vor der Entwicklung einer unkontrollierbaren „digitalen Superintelligenz“, die Zugriff auf alle Daten der Menschheit haben könnte und somit Zugriff auf alle an das Internet angeschlossene Systeme und Maschinen.
So ein Szenario muss keine Dystopie sein, schliesslich könnte sich ein Supergehirn auch im positiven Sinne betätigen, etwa die Klimakatastrophe abwenden oder Krebs heilen. Das Problem wäre nur, dass der Mensch nicht in der Lage wäre, diese Superintelligenz zu kontrollieren.
Deshalb ist es für den Moment sicherlich sinnvoller, wenn die Ethiker sich vornehmlich auf die „starke KI“ konzentrieren, weil die Gefahr nicht in der Technik liegt, sondern im Menschen, der dem Computer die Kontrolle und Entscheidungsbefugnis übergibt.
Sehr bedenklich ist allerdings, dass man bereits über vollautonome Waffensysteme debattiert, die allein wegen ihres Entscheidungstempos Menschen töten oder einen Krieg beginnen könnten, bevor Menschen fähig wären einzugreifen. Doch bisher ist selbst ein begrenztes Verbot oder eine Einschränkung des Einsatzes von vollautonomen Waffen nicht in Sicht. Der Grund: UN-Beschlüsse können nur im Konsens gefasst werden – und bisher verweigern rund zwölf Staaten ihre Mitarbeit an einer neuen Regelung, wo auch Deutschland dazugehört.
Weltweit Forschende haben zwar Ideen entwickelt, wie eine superintelligente KI kontrolliert werden könnte und einen entsprechende theoretische Algorithmus entwickelt, der sicherstellt, dass eine superintelligenten KI unter keinen Umständen der Menschheit schadet. Jedoch zeigt eine genaue Analyse, dass nach aktuellem Stand der Computerwissenschaften ein solcher Algorithmus eigentlich nicht programmiert werden kann.
Transhumanismus als Strategie gegen den Klimawandel
Im Sinne der transhumanistischen Idee, dass „der Mensch die Evolution durch Technik“ übernehmen soll, lieferten verschiedene amerikanische Philosophen von der New York und Oxford University einen produktiven Beitrag zu Strategien gegen den Klimawandel. Sie schlagen vor, die Leistungsmerkmale von Menschen nicht zu verbessern, sondern sozusagen gezielt zu „verschlechtern“.
Sie wollen beim Menschen als „den grössten Treiber des Klimawandels“ ansetzen, und dementsprechend die Menschen technologisch so verändern, dass sie weniger Ressourcen verbrauchen, um damit die Erderwärmung einzudämmen.
Die Forscher haben dazu vier sehr verwunderlich Lösungsansätze geliefert, die beinhalten, dass die Menschen technologisch so modifiziert werden sollen, dass sie gegen rotes Fleisch allergisch sind und darüber hinaus sollen sie durch gentechnisch Modulation kleiner werden. Weiterhin sollen sie, durch eine „pharmakologische Verbesserung des uneigennützigen Verhaltens und der Empathie“, intelligenter und altruistischer werden.
Besonderen Fokus legen die Transhumanisten auf Frauen und die Geburtenrate, indem die Frauen gebildeter werden und sich nicht mehr so ungebremst vermehren würden. Tatsächlich scheint es für sie einen Zusammenhang zwischen geistiger Leistungsfähigkeit und niedrigeren Geburtenraten zu geben und sie empfehlen daher eine kognitive Verbesserung der Frauen als Strategie gegen den Klimawandel.
Als Transhumanisten, die sich im liberalen Modus befinden, werden sie nicht müde, die Freiwilligkeit aller etwaigen Eingriffe, als eine Art „liberale Eugenik“ zu betonen, was bedeutet, dass die Menschen sich aus freien Stücken für die Human-Technik, im Sinne von Strategien gegen den Klimawandel, entscheiden können.
Was für eine Karikatur der transhumanistischen autoritären Ideologie, wo technikphilosophisch nicht nur eine post-industrielle, sondern auch eine post-biologische Zivilisation angestrebt werden soll, um die Welt zu retten.
Grundlage unseres Denkens war bisher immer, dass der Mensch eine immaterielle Vernunft hat, mit der unveränderliche Wahrheiten erkennen kann. Mit Darwin und Nietzsche begann eine Revision dieses Selbstverständnisses und es wurde erkannt, dass der Mensch nur ein Teil der Natur ist und all unsere Eigenschaften im Prinzip empirisch zugängig sind.
Somit unterliegen wir einem beständigen Wandel und mit den neuesten Technologien können wir uns besser an die Natur anpassen, als wir dazu auf Basis der rein natürlichen Evolution in der Lage wären. Die natürliche Auslese mit „Survival oft he Fittest“ (Überleben der Passendsten), wo die am besten angepassten Individuen überleben, würde somit ausser Kraft gesetzt und die adaptive Spezialisierung durch Human-Technik verbessert und beschleunigt.
Unser TV-Vorzeigephilosoph Richard David Precht, der wie ein Klon von Karl Lauterbach und Harald Lesch durch Medienlandschaft schwurbelt, wird sich freuen, da er monierte, dass die Entwickler der KI zu wenig für die drängenden Probleme der Gegenwart tun, wie z.B. den Klimawandel nutzbar zu machen.
Vorwärts wir müssen zurück
Als zeitlebens technisch orientierter Mensch, der während seiner langen beruflichen Tätigkeit von vielen technischen Entwicklungen profitierte, habe ich mit viel Enthusiasmus mit den Recherchen zu diesem Blog-Beitrag begonnen. Zum meinem Erschrecken musste ich schon nach kurzer Zeit erkennen, dass mein Technologie-Verständnis und meine Intelligenz, die ich bis heute als durchschnittlich gut angesehen habe, bei weitem nicht ausreicht, um diese ungeheuer komplexen und teilweise noch recht fiktiven Zusammenhänge zu erfassen, welche das ungeheuer breit gefächerte Spektrum der Digitalisierung und des Transhumanismus erforderlich macht.
Aufgrund meiner Erkenntnis-Dämmerung sehe mich nicht in der Lage, die möglichen Auswirkungen und hypothetischen Potentiale der daraus resultierenden Fallstricke, Bedrohungen und Gefahren nur einigermassen umfassend zu erkennen und bewerten zu können.
Ein Gefühl der Überforderung und Hilflosigkeit macht sich in mir breit, das gewisse Ängste freisetzt, obwohl ich aufgrund meines fortgeschrittenen Alters, dies alles halbwegs unbeschwert zur Kenntnis nehmen könnte, da das globale Netzwerk der Superintelligenz erst lange nach meinem Ableben die die Kontrolle über die menschlichen Fähigkeiten übernehmen wird, wenn überhaupt.
Dies könnte aber auch dann nur geschehen, wenn der technologische Fortschritt des digitalen Zeitalters so ausufern sollte und die Wissenschaft, Forschung, die Technologieführer und die Politik nicht den notwendigen Sachverstand und die Kompetenz aufbringen können, diesem Tun einen humanitären Riegel vorzuschieben.
Wenn ich aber andererseits sehe, dass unser Arbeitsminister Heil ein neues Rentenpaket vorstellt und ratifizieren will, welches das Rentenniveau auch zukünftig sichern soll und dieses Konglomerat vom Sozialgerichtstag und den zuständigen Richtern als nicht nachvollziehbar, unpraktikabel sowie aufgebläht bezeichnet und von einem völlig unverständlichen Gesetzes-Wirrwarr gesprochen wird, dann wäre es wirklich wünschenswert, wenn in der Regierung bereits die künstliche Intelligenz Einzug gehalten hätte.
Sie könnte dafür sorgen, dass praktikable Gesetzesvorlagen zur Normalität werden und nicht die Ausnahme bilden, siehe auch Infektionsschutzgesetz, Einführung eines Impfregisters und der digitalen Krankschreibung.
Ich habe als alter weisser Mann keinerlei Schuldgefühle gegenüber Minderheiten jeglicher Art. Ich bin auch nicht von hysterischer Klima- und Corona-Angst getrieben. Was mich aber beschäftigt ist die Frage, wie man die verblendeten Befürworter der „Vierten Revolution“, welche die westliche Welt vor sich hertreiben wollen, stoppen oder zumindest bremsen kann.
Was die Zukunft bringt, hängt auch davon ab, ob es gelingt, sie klug mitzugestalten. Die vierte industrielle Revolution birgt grosse Chancen, aber auch unverhältnismässig grosse Risiken. Sie fordert nicht nur unsere Intelligenz heraus, sondern auch unsere Fähigkeit zur Empathie. Sie stellt aufs Neue die uralte Frage nach dem „guten Leben und ob es gelingt, die Chancen zu nutzen und die Unabwägbarkeiten zu vermeiden, oder wenigstens abzumildern. Die in den neuen Technologien enthaltene soziale Sprengkraft kann zu einer Polarisierung der Gesellschaft führen, die es unbedingt zu verhindern gilt.
Wenn dem Menschen durch die Technik zunehmend der Eindruck vermittelt wird, dass er nicht mehr gebraucht wird oder nützlich ist, verliert er sein Selbstwertgefühl, das gesellschaftliche Gefüge kommt ins Trudeln und der schnelle Anstieg der technischen Effizienz führt zu eklatanten Wachstumsschmerzen, die sich als unheilbar erweisen können.
Es bleibt zu befürchten, dass das Szenarium zur Durchführung der digitalen Revolution nach dem folgendem Schema ablaufen wird: Amerika und China werden führen, Europa folgt zu gut wie es kann und Deutschland wird hinterher trödeln, wenn die Entschlussfreudigkeit der Regierung weiterhin so zu wünschen lässt.
Wenn ich allerdings sehe, mit welcher gewissenlosen Brutalität manche Diktatoren, die über Atomwaffen verfügen, ihre imperialistischen Wahnvorstellungen, ohne jegliche Rücksicht auf menschliche oder materiellen Verluste, durchsetzen wollen und leider auch können, dann haben wir es mit einem zusätzlichen unkalkulierbaren Faktor zu tun, der quasi „über Nacht“ alle Bemühungen zur Realisierung einer neuen Weltordnung ins Wanken bringen und sogar die Welt aus den Angeln heben kann.
Auf unserer Welt wimmelt es von Revanchisten, die wollen, dass alte Rechnungen beglichen und/oder in der Vergangenheit angetanes Unrecht gesühnt und Reparationen zur Wiedergutmachung gezahlt werden sollen.
Revanchisten wollen nicht akzeptieren, dass die von ihnen verfolgte Wiederbelebung der Historie eine Totgeburt ihrer selbstgewählten Vergangenheitsbewältigung ist. Der einst „lupenreine“ Demokrat Wladimir Putin hat sich zum lupenreinsten Revanchisten entwickelt. Er will, ohne Rücksicht auf Verluste, seine Sowjetunion zurückhaben, oder zumindest den Grenzverlauf des russischen Zarenreichs im 19ten Jahrhundert wiederherstellen. Er hat mit Tschetschenien und der Krim begonnen und will sich nun das Territorium der Ukraine einverleiben, die für ihn zu Russland gehört, egal ob tot oder lebendig.
Wenn nichts bleibt, oder bleiben kann, wie es ist, heisst das in einer Welt des Wandels jedoch nicht, dass man allem seinen Lauf lassen und die Auswirkungen akzeptieren muss. Wir tun gut daran, zu unseren Prinzipien auch dort zu stehen, wo es besonders gefährlich erscheint. Das erfordert konsequent verlässliches Handeln und wenn der deutsche Kanzler sicher ist, dabei auf der guten Seite zu stehen, wovon wir alle ausgehen, dann ist es seine Pflicht und Schuldigkeit eine eindeutig substanzielle Position einzunehmen und zu“ liefern“, anstatt sich selbst zu verleugnen und uns durch unerträgliche Zauderei ins internationale Abseits zu manövrieren. Oder ist er sich etwa mit den Seiten doch nicht so sicher?
Gegenwart und Zukunft
Seit Beginn des 21. Jahrhundert wechseln sich nicht nur Krisen und neuen Herausforderungen permanent ab, sondern ebenso die Programme und Visionen zu ihrer Lösung, Überwindung oder Gestaltung.
Terrorismus, Klimawandel, Europa, Finanzkrise, Rechtspopulismus, Demokratiekrise, Migration, Digitalisierung, Corona, Inflation, Krieg in Europa etc. bestimmen weitgehend unser tägliches Leben und wir verwenden die meiste Zeit dafür uns die Zukunft hochzurechnen und verlieren dabei die Gegenwartsbewältigung aus dem Blick.
Nur gut, dass wir über keine Kristallkugel verfügen, die uns einen realistischen und wahrheitsgetreuen Blick in die Zukunft gewährt. Was wir für unsere Zukunft tun können ist, mit Wahrscheinlichkeiten zu arbeiten, unkalkulierbare Risiken weitgehend auszuschliessen und über Dinge nachzudenken, die sich langfristig positiv auf unser Leben auswirken können und ob wir diese überhaupt anstreben wollen und sollen.
Wir dürfen das Leben im Heute nicht vernachlässigen, denn was ich morgen geniessen will, muss ich heute vorbereiten, denn es gibt keine gute Zukunft, ohne eine gut funktionierende Gegenwart. Die Zukunft ist und bleibt ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten, denn all unsere Planungen und Gedanken an das Morgen sind nur Ideen, Prognosen, Ziele, Visionen und Vorstellungen und die Realität liegt im heute.
Das scheinen allerdings viele Bürger und vor allen auch die Politik und die Medien vergessen zu haben und beschäftigen sich mehr mit den möglichen Problemen der ferneren Zukunft als mit den nackten Realitäten der Gegenwart und den offensichtlichen Schwierigkeiten der nächsten Dekaden.
Wie der chinesische Politiker und Philosoph Lü Bu We sehr zutreffend bemerkte „ist die Gegenwart im Verhältnis zur Vergangenheit Zukunft, ebenso wie die Gegenwart der Zukunft gegenüber Vergangenheit ist. Darum, wer die Gegenwart kennt, kann auch die Vergangenheit erkennen. Wer die Vergangenheit erkennt, vermag auch die Zukunft zu erkennen.“
Es gab Zeiten, da konnten sich die Menschen einen Reim auf ihre Gegenwart machen, was die heutige Zeit aber leider nicht zulässt. Wir befinden uns in einem ideologisch verminten Gelände, das durch Orientierungslosigkeit glänzt und niemand genau sagen kann, was wirklich wichtig oder gar vordringlich ist. Das liegt daran, dass wir nicht über ein einheitliches Gesamtbild des augenblicklichen Daseins verfügen und teilweise immer noch nicht mit der Vergangenheitsbewältigung abgeschlossen haben.
Wir leben in einer neuen Unübersichtlichkeit, wo alles Machtverhältnisse und Koalitionen in Bewegung sind und das Präsens zu einer mehr als problematischen Zeitform geworden ist. Das von den Mainstream-Medien hochstilisierte, chaotische Durcheinander schreit ständig nach Veränderungen und mit einer übertriebenen, künstlich erzeugten Massenhysterie werden die höchsten Einschaltquoten und Auflagen erzielt sowie in der Wirtschaft die besten Geschäfte gemacht.
Die Sehnsucht nach Übersichtlichkeit und Eindeutigkeit ist zur Fiktion geworden, da sich in den letzten Jahren gleich mehrere, grundverschiedene Problemkreise übereinandergeschichtet bzw. gekreuzt haben und die bestehenden Mechanismen zur Krisenbewältigung nicht darauf eingestellt waren.
Eine defizitäre Wissensverarbeitung und die damit verbundenen administrativen Unzulänglichkeiten traten mit einer Wucht zutage, die niemand so richtig für möglich gehalten hätte, weil die unterschiedlichen Funktionsweisen der Naturwissenschaften und der Politik zu vielen Missverständnissen und Fehlreaktionen führten.
Dies alles hat zur Folge, dass die Politik in einer noch nie dagewesenen Unausgewogenheit an der Gegenwart herumdoktert und sich an unrealistischen Zukunftsszenarien abarbeitet, was vollmundig als Zeitenwende bezeichnet wird und in Wirklichkeit mehr eine Mogelpackung darstellt als ein erfolgsversprechendes Instrumentarium zur Gegenwartsbewältigung und Zukunftsgestaltung.
Ich befinde mich deshalb als souveränes Individuum, das sich (noch) frei entscheiden kann, in einer moralischen Zwickmühle, da zwischen der Auffassung der Regierenden und meinen rationalen Begründungen und Normalitätsvorstellungen eine recht grosse Kluft besteht, welche ein erhebliches Plausibilitätsdefizit aufweist und eine Konsensfindung auf der bürgerlichen Ebene fast unmöglich macht.
Ich fühle mich zunehmend als konservativer Untoter, sprich als eine Art von Nostalgie-Zombie unter Digitaliserungsphantasten, in dessen Umfeld sich die Grenzen des Humanen verschieben und das „Menschliche“ auf der Strecke bleibt. Ich befürchte meine Individualität verlieren zu können, mit der ich mein eigenes „Selbst“ kreieren und bewahren kann, was zu einer soziale Ausgrenzung an den Rand einer, vom Trans- und Posthumanismus beherrschten, Gesellschaft führen könnte.
Es lebe der Fortschritt und der Blick zurück nach vorn.
„Wir werden nicht durch die Erinnerung an unsere Vergangenheit weise, sondern durch die Verantwortung für unsere Zukunft.“
George Bernard Shaw
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