»Longtermism« – Utopie oder Modell für kapitalistische Gehirnwäsche

»Longtermism« – Utopie oder Modell für kapitalistische Gehirnwäsche

Ein Artikel im Magazin Der Spiegel mit dem kryptischen Titel „Ist »Longtermism« die Rettung – oder eine Gefahr?“, in welchem eine einflussreiche Philosophie aus dem Silicon Valley vorgestellt wird, hat mich veranlasst sich etwas näher mit diesem Thema zu beschäftigen. Dies insbesondere deswegen, weil der Kolumnist als zweit Überschrift verlauten liess, dass Elon Musk, der Tesla und Bitcoin Hasardeur, seine Finger im Spiel hat und zusammen mit Jaan Tallinn, dem Mit-Gründer von Skype, die Denkschule üppig finanziert.

Laut William MacAskill, einem britischen Philosophen an der Universität von Oxford, bedeutet Longterism gleich Langfristigkeit und soll eine ethische Sichtweise vermitteln, die besonders darauf bedacht ist, dass erzielte Ergebnisse auf lange Sicht gut ausfallen.

Unter Strong Longtermism (starke Langfristigkeit) ist die These zu verstehen, dass in einer breiten Klasse von Entscheidungssituationen, die im Vorfeld ermittelten, besten Optionen auch die Auswirkungen haben, welche für eine langfristige Zukunft am besten sind.

Auf der TED-Innovations-Konferenz (TED = Technology, Entertainment, Design) die alljährlich in Monterey, Kalifornien stattfindet, tauscht eine exklusive Gruppe von Fachleuten der unterschiedlichsten Wissensgebiete ihre Ideen aus, gemäss dem Motto „Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden“. Das Spektrum der Protagonisten reicht von Wissenschaftlern über Unternehmer und Aktivisten bis hin zu Designern und Künstlern. Seit 2005 werden weitere TED-Konferenzen auch in Ländern ausserhalb der USA abgehalten („TED Global“). Die jährliche 5-tägige Hauptkonferenz der TED mit mehr als 80 Vortragenden findet seit 2014 in Vancouver, Kanada, statt. Wer an den Konferenzen teilnehmen möchte, muss sich um eine Einladung bewerben.

Vergleichbar ist die Bedeutung der TED-Konferenz in den USA mit dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. Bei TED geht es wesentlich stärker als beim WEF in Davos um Inspiration, positiv gestimmtes „Nach-vorne-schauen“ und Vernetzung mit anderen „Veränderern (Changemaker)“.

Auf der TED-Talks-Webseite ( https://www.ted.com/talks) werden die besten Vorträge als Videos kostenlos ins Netz gestellt. Die Videos werden in verschiedenen Sprachen untertitelt und sind auch in deutscher Sprache verfügbar.

Bei einem TED-Vortrag von William MacAskill aus dem Jahr 2018, wo er die Zukunft der Menschheit als zentrales Thema hatte, wurde komischerweise die Klimakrise nur am Rande erwähnt.

Er gibt dabei zum Besten, dass sich die Klimamodellierer uneins darüber sind, wie lange die Erde angesichts des Klimawandels bewohnbar bleiben wird. Einer Studie von Doktoranden des National Center for Atmospheric Research zufolge wäre die Erde selbst dann noch mindestens eine Milliarde Jahre für den Menschen bewohnbar, wenn der CO2-Gehalt weiter ansteigt und sich unsere Erde von einer Durchschnittstemperatur von 15°C auf 40°C erwärmt. Er räumt allerdings ein, dass wir uns dann sehr unwohl fühlen – und deshalb müssen wir schon jetzt etwas gegen den Klimawandel unternehmen.

Er bezieht sich auf einen Bericht im Science Magazin mit dem Titel „Earth Won’t Die as Soon as Thought“ (Die Erde wird nicht so schnell sterben wie gedacht). Die immer heller werdende Sonne wird alles Leben auslöschen, aber Hunderte von Millionen Jahren später als vorhergesagt.

Verschiedene Planetenforscher und Klimamodellierer sehen nicht den CO2-Gehalt in der Atmosphäre als die grösste Gefahr an, sondern das stärker werdende Sonnenlicht, da schon 6 Prozent Sonnenlicht ausreichen, um den Treibhauseffekt in Gang zu setzen und das Wasser auf der Erde zu verdampfen. Bei der derzeitigen Rate der Sonnenaufhellung – etwas mehr als 1 Prozent alle 100 Millionen Jahre – würde die Erde in 600 Millionen bis 700 Millionen Jahren unter diesem „unkontrollierbaren Treibhauseffekt“ leiden. Allerdings schliesst das Modell Wolken aus und geht fälschlicherweise davon aus, dass Klimafaktoren wie die Luftfeuchtigkeit überall auf der Erde gleich sind.

Je mehr ich mich mit diesen sehr hypothetischen Bedrohungsszenarien auseinandersetzte, umso mehr bekam ich den Eindruck, dass die sogenannten existenziellen Risiken dieser Koryphäen der Zukunftswissenschaft mit den weltlichen Risiken meiner Denkweise nicht das Geringste zu tun haben.

Für den Philosophen der Neuzeit sind die Möglichkeiten der extremen Klimaveränderungen nur im Kontext mit dem Gebrauch von Biowaffen, der ausser Kontrolle geratenen künstlichen Intelligenz oder dem Geoengineering, womit in erste Linie, ein künstliches Abkühlen der Erde mit dem Eintrag grosser Mengen von Schwefeldioxid in die Atmosphäre, wie es bei dem Ausbruch von Vulkanen der Fall ist, nur von Bedeutung und bedrohlicher Relevanz.

Die momentanen und in naher Zukunft herrschenden Klimabeeinträchtigungen durch CO2– Konzentrationen im 500 bis 700 ppm Bereich und eine mögliche Erderwärmung um 2 – 3°C stellen für diese Denker und Wissenschaftler der Zukunftsforschung lediglich eine kontrafaktische Bedrohung dar, die keine wirkliche Gefahr für die Erde bedeutet.

Es werden z.B. dritte noch unbekannte Gefahren, von deren Risiken wir noch nichts wissen als schlimmer angesehen, als der nicht existenzielle Klimawandel, solange kein völlig unkontrollierbares Worst-Case Szenario eigetreten ist, was immer noch als unwahrscheinlich gilt. Das soll konstruktiv nach vorne gedacht sein?

Normalerweise könnte man diese unfundierten Science-Fiction Ansichten von fehlgepolten Pseudo-Philosophen und Technomilliardären als hirnrissige Spinnereien abtun, wenn es nicht im Silicon Valley eine sehr einflussreiche Denkschule namens Longtermism gäbe, die mit gewaltigen Summen finanziert wird.

Das ist deshalb auch bedenklich, da verschiedene Organisationen in den Vereinigten Staaten darauf abzielen, die Longtermisten in hochrangige Positionen der US-Regierung zu bringen, um die nationale Politik zu gestalten. Einer der Hauptakteure dieser Organisationen ist ein ehemaliger Forschungsassistent, der jetzt stellvertretender Assistent von US-Präsident Joe Biden für Technologie und nationale Sicherheit ist.

Das Institut für die Zukunft der Menschheit (FHI), dem der Philosoph und Buch-Autor Toby Ord angehört, welcher die „Effective Altruism“ Bewegung (EA) gründete, hat, erstaunlich für einen Philosophen, die Weltgesundheitsorganisation, die Weltbank, das Weltwirtschaftsforum, den Nationalen Geheimdienstrat der USA, das Büro des britischen Premierministers, das Kabinettsbüro und das Regierungsbüro für Wissenschaft beraten. Er hat auch an einem Bericht des Generalsekretärs der Vereinten Nationen mitgewirkt, in dem der „Langfristismus“ ausdrücklich erwähnt wird.

Somit dürfte der Langfristismus eine der einflussreichsten Ideologien sein, von der nur wenige Menschen ausserhalb der Eliteuniversitäten und des Silicon Valley je gehört haben. Phil Torres ein Doktorand in Philosophie an der Leibniz Universität Hannover warnt, als ehemaliger Longtermist, auf der Webseite von Aeon, dass diese Weltanschauung heute möglicherweise das gefährlichste, nicht religiöse Glaubenssystem der Welt darstellt. Völker höret die Signale.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang zu erfahren, welche Rolle der Effektive Altruismus. Effektiver Altruismus ist die Verwendung von Beweisen und sorgfältigen Überlegungen, um herauszufinden, wie man das Gute mit einer gegebenen Einheit von Ressourcen maximieren kann, wobei das „Gute“ vorläufig im Sinne eines unparteiischen Wohlfahrtsstaates verstanden wird, welches versucht als „soziale Bewegung“ die Welt zu verbessern.

Die Gemeinschaft des effektiven Altruismus (EA) ist eine Ansammlung von Menschen und Organisationen, die ihre Ressourcen (z. B. Geld, Zeit, soziales Kapital) für effektive Weltverbesserungs-Projekte einsetzen.

Das hört sich auf den ersten Blick ehren- und erstrebenswert an, doch es gibt auch umstrittene Aspekte, da er nicht nur sagt, was man tun soll, wenn ein bestimmtes Problem zu lösen ist, sondern er sagt auch, welche Probleme zuerst gelöst werden sollen. Als die drei drängendsten Probleme für die Menschheit werden die extreme Armut, das Tierleid und das was „langfristige Zukunft“ genannt wird, angesehen. Dabei handelt es sich im Prinzip um die Minimierung globaler, katastrophaler Risiken, auch bekannt als existenzielle Risiken, wobei der Klimawandel, so wie sich seine Problematik dem Normalmenschen darstellt, nicht dazu zählt und eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Meiner Meinung nach handelt es sich hier um eine Antithese, was den moralischen Fortschritt betrifft. Glaubensstrukturen einzuführen, welche unvorstellbare Schrecken rechtfertigen, können und dürfen niemals der Auftrag der Zukunftswissenschaft sein. Auch wenn es noch so viele (pseudo?) gutherzige EA-Menschen gibt, ist die Langfristigkeit ein These, die geradezu prädestiniert ist, die Mechanismen, mit denen Fortschritte erzielt werden könnten, zu deaktivieren. Fortschritt bedeutet in der Regel Probleme zu lösen und das dafür notwendige Wissen zu schaffen, auch wenn man weiss, dass die Menschen, Politik, Medien und auch die Wissenschaft fehlbar sind.

Viele Errungenschaften des neuen Zeitgeists führen zu Problemen, die wir nach dem Erkennen wieder bekämpfen und damit neue Nebenkriegsschauplätze schaffen. Neue Schmerzmittel begünstigen eine Opioid-Epidemie oder legalisieren den Gebrauch von Rauschmitteln, das Auto sorgt für viele Tote bei Unfällen, das Internet führt zur Sucht nach sozialen Medien, was natürlich nicht heissen soll, dass wir ohne diese Erfindungen eine bessere Welt hätten.   

Wenn nun die Digitalisierung auf Teufel komm raus und die Schaffung von künstlichen Intelligenzen als das zukünftige Nonplusultra proklamiert werden, muss es doch erlaubt sein, sich auch kritisch damit und deren Umsetzung zu beschäftigen und nicht obligatorisch jeden Auswuchs des abstrakten Denkens gut zu heissen. Je nachdem, wie sich die Gesellschaft verändert, ist es wichtig, dass wir die Fähigkeit beibehalten, unsere Ethik den neuen Strömungen anzupassen und weiterzuentwickeln, um mit den neuen Situationen entsprechend rational umgehen zu können.

Es kann und darf nicht sein, dass die Gedanken der Langfristigkeit, dazu führen die heutigen Probleme mehr oder weniger zu ignorieren und uns auf Probleme zu konzentrieren, die nach tausenden von Generation die grössten sein werden. Wir können eigentlich nicht wissen, welche Probleme die Zukunft bringen wird, weil das sicherlich davon abhängig ist, wie wir die Probleme der Gegenwart lösen.

Die Missachtung aktueller Probleme und Leiden macht den Langfristismus undurchlässig für die Korrektur von Fehlern. Das Projekt der Langfristigkeit darf unsere derzeitigen Prioritäten nicht komplett verändern und die Werte umstossen, die uns einzigartig gemacht haben.

Zusätzlich macht mich sehr nachdenklich, dass die EA Bewegung sich rühmt, über 46 Milliarden an Unterstützungskapital verfügen zu können und die üblichen Verdächtigen, wie Gates, Tusk, Thiel, Facebook etc. und zusätzlich noch die Obermuftis der internationalen Krypto-Szene zu den Unterstützern zählen und versuchen Moral in den Kapitalismus zu tragen. Wenn man Moral kapitalisiert, wird ein echter Systemwandel unterdrückt und die originären Interessen der „Gutmenschen“ gefördert, die immer eine möglichst hohe Gewinnmaximierung als unabdingbares Ziel ansehen. „Gutes Tun“ heisst für diese Leute immer, dass ein Mehrfaches an Kapital generieren wird als es der Einsatz erforderte.

Unsere Probleme der Kurz- und Mittelfristigkeit werden sich weiter verstärken, was u. v. a. die Ergebnisse der COP26 Konferenz eindeutig zeigten. Der Ausstieg aus der zeitnahen Kohlestromversorgung bleibt bei den Hauptverursachern ein Wunschtraum und ist nahezu unrealisierbar geworden. Die zu erzielende Gewinne und Erleichterungen, stehen für die sogenannten Schurkenstaaten eindeutig im Vordergrund und erfahren eine weitaus höhere politische Bewertung als das Leid, was dadurch in der Welt mittelfristig ausgelöst wird.

Diese Länder sehen in neuen EE-Projekten nur einen Sinn, wenn die zu erwartenden Einnahmen und wirtschaftlichen Vorteile höher sind als die zu erwartenden Kosten. Die dazu notwendigen Cashflow Berechnungen (Geldfluss) fallen unterschiedlich aus, je nachdem wie Gewichtung des Nettogegenwartwertes der dynamischen Investitionsrechnung erfolgt. Angesichts der momentanen, inflationären Entwicklungstendenzen werden diese Art der umweltschutzfeindlichen Überlegungen sogar noch gefördert.

Lieber heute die Chance auf ein wohlstandsmässig besseres Leben ergreifen und das Volk dabei ruhigstellen als über Katastrophen, die zudem noch unterschiedlich bewertet und (noch) recht weit weg erscheinen, zu sinnieren, ist angesagt.

Für die althergebrachten, sozialromantischen Altruisten dieser Welt stellt sich nun die Kardinalfrage, ob man obgleich dieser menschenverachtenden Schurken-Attitüde resignieren und kapitulieren soll. Die ideologische Alternative der trotzdem Weltrettung, mit Aussicht auf geringstem Erfolg, wird sicherlich von vielen Bürgern nicht mitgetragen werden, was die Bildung von sozialem Sprengstoff fördert und uns unruhige Zeiten erwarten lässt.

Im Magazin Der Spiegel wird der Longtermism-Kritiker Phi Torres folgendermassen zitiert: »Wenn man die Lage kosmisch betrachtet, wäre sogar eine Klimakatastrophe, die die menschliche Zivilisation zwei Jahrtausende lang um 75 Prozent reduziert, aus der Ferne betrachtet kaum mehr als ein kleiner Ausreisser, in etwa wie ein 90-Jähriger, der sich mit zwei Jahren einmal den Zeh gestossen hat.«

Bei solchen Überlegungen kann einem schon die Spucke wegbleiben und man muss sich fragen, was noch alles geschehen muss, um zu erkennen, was alles getan werden muss, um die Erde in einem einigermassen stabilen Gleichgewicht zu halten und wer alles wirklich Interesse daran hat, ausser den zu erwartenden Opfern.

Das Leben, in den Ruinen unserer Gewohnheiten wird sicherlich eine Änderung erfahren müssen, je länger wir die Renovierung hinausschieben, je schwieriger wird die Neuorientierung. Fraglich ist nur, wer wirkliches Interesse daran hat und die finanzielle Ausstattung mitbringt, um auch wirklich nachhaltige Entwicklungen auf den Weg zu bringen.

Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.

Victor Hugo

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