Kulturelle Aneignung – Giftige Empörungskultur

Kulturelle Aneignung – Giftige Empörungskultur

Grenzenlose Hypermoral

Die öffentlichen Diskussionen über diverse kulturellen Aneignungen von Teilen unserer Gesellschaft und den damit verbundenen, heuchlerischen Befürwortungsaktionen von aktivistisch progressiven Gruppierungen, stellen für meinen Verstand eine fiktive Gedankenvergewaltigung dar und verkörpern die sinnbildlich ideologisierte Ausgeburt einer grenzenlosen Hypermoral.

Sie ist ein klares Zeichen dafür. dass in Deutschland eine pseudo-geistige Kultur-Tollwut grassiert, die einen Hintertür-Rassismus befeuern will, welcher jegliche, kultivierte Intelligenz vermissen lässt, wie es bereits bei den fortschreitenden Gender-Wahn-Debatten zu verzeichnen ist.

Der Begriff der kulturellen Aneignung tauchte erstmals in den 1980er Jahren in den USA und Grossbritannien auf. Im englischen Original lautet er „cultural appropriation“. Laut Wikipedia wird darunter die „unangemessene oder uneingestandene Übernahme eines Elements oder von Elementen einer Kultur oder Identität durch Angehörige eines anderen Kulturkrieses“ verstanden.

Die Encyclopaedia Brittanica ist noch deutlicher: „Kulturelle Aneignung liegt vor, wenn Mitglieder einer Mehrheitsgruppe kulturelle Elemente einer Minderheitengruppe in ausbeuterischer, respektloser oder stereotyper Weise übernehmen.“

Zu Beginn der Debatte ging es zunächst darum, dass weisse Musikerinnen und Musiker von schwarzen Menschen geprägte Stile übernahmen und als ein Teil weisser Musikgeschichte ausgaben.

Kritisch wurde vor allem das Missverhältnis zwischen der Nutzung kultureller Zeichen und dem Erleben der sozialen Realität dieser Bevölkerungsgruppen gesehen. 2003 brachte es eine vom US-Kulturtheoretiker und Kritiker Greg Tate veröffentliche Sammlung von Essays auf den Punkt, in der verschiedene Autorinnen und Autoren die Realität so beschrieben, dass weisse Menschen, schwarze Musik-, Tanz-, Kleidungs- und Slangstile vereinnahmen, ohne aber Diskriminierung, Rassismus oder weniger ökonomische Teilhabe zu erleben, die mit dem Schwarz sein verbunden ist.

In jüngster Zeit gab es Diskussionen, wenn weisse Menschen Dreadlocks  tragen, wie beispielsweise die Sängerin Ronja Maltzahn, oder wie früher die Kultgestalt Bob Marley. Ursprünglich kommen Dreadlocks (Locken in Form von Strähnen verfilzter Kopfhaare) aus Jamaika und repräsentieren die Rastafari.

Mir und meinen Freunden wäre es 1974, als Bob Marley and the Wailers auf dem Album Natty Dread die Reggae-Ballade „No Woman, No Cry“ veröffentlichte, niemals in den Sinn gekommen, dass damit die Problematik einer kulturelle Aneignung verbunden sein könnte, wenn lokale Bands diesen Song mit viel Leidenschaft in heimischen Clubs interpretierten.

Dies als eine Form des Diebstahls an marginalisierten Gruppen anzusehen, welcher sich an den kulturellen Beständen anderer °fremder“ Traditionen bedient und bereichert, war undenkbar und wir haben uns unbeschwert, oft zum Leid unserer Eltern, an der neuartigen Rock- und Pop-Musik, der vielen Person-of-Color Urheber, erfreut.

Kulturelle Aneignung und Wokeness im Trend

Die kulturelle Aneignung wird meist in einem Atemzug mit dem Begriff „Wokeness“ in Verbindung gebracht, obwohl viele Menschen sich nichts darunter vorstellen können, aber „woke“ in vielen Domänen mit toleranter, moderner Lebensart in Verbindung gebracht wird.

Viele benutzen den Begriff, um für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen und viele andere stempeln in als moralische Besserwisserei ab. Aufgrund dieser spaltenden, unterschiedlichen Ansichtsweisen wird der Tonfall im öffentlichen Diskurs permanent verschärft und die Debatten um die kulturelle Aneignung werden speziell in den sozialen Medien und meist in anonymisierter Form immer verbissener und irrationaler geführt.

Ursprünglich ist der Wokeness-Ausdruck während der Bürgerrechtsbewegung in den USA in der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden und ist im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung auch in Deutschland und dies vor allem in den digitalen Plattformen in das öffentliche Blickfeld gerückt.

Dabei hat sich die eigentliche Bedeutung von „Aufweckung und „Aufwachung“ in seiner aktuellen Inanspruchnahme längst entfernt und ist zu einem schlüsselwortähnlichen Kampfbegriff für übersteigerte Identitätspolitik geworden, der einerseits als positive Selbstbezeichnung und andererseits als eine total abwertende Fremdbezeichnung angesehen wird.

Wokeness hat als ursprünglich angesehenes Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeiten schon längst seine Unschuld verloren. Sie wurde von progressiven, radikalisierten Gruppen zu einem Symbol für erhöhte Wachsamkeit gegenüber Themen wie Rassismus, Sexismus und anderen Diskriminierungen hochgepuscht.

Man will sich oft mit militanten Verhaltensmustern gegen strukturell bedingte Benachteiligungen von marginalisierten Minderheiten erheben, um das eigene Verhalten zwangsweise verpflichtend gegen den Klimawandel einzusetzen.

Man will damit eine ausnahmslose „Gutmenschen-Absolution“ erhalten, die man als „Political Correctness“ und Teil einer „Cancel Culture“ ansieht und die an polarisierender Verlogenheit kaum zu überbieten ist.  

Somit hat Wokeness unweigerlich das Potential zur gefährlichsten Ideologie des 21. Jahrhunderts und zum generellen Schlag- und Schimpfwort gegen das kapitalistische Establishment zu werden. Die Autokraten dieser Welt erfreuen sich garantiert daran, dass sich der Westen mit einem solchem Mindset-Wahn selbst zerstört und wir an unserem stereotypen, die Gedankenwelt verpestenden  Extremismus der Ausgrenzung, zu ersticken drohen.

Wen wir mit unserer exzessiven Aufwertung des Multikulturalismus so weiter machen, kommt das irgendwann einer extremistisch gesteuerten Volksverhetzung gleich und wir müssen wieder den Scheiterhaufen in unser Rechtssprechungssystem integrieren.

Man ergötzt sich an Opfer-Pyramiden der unterschiedlichsten Art, die durch das Zusammenwirken von mehreren Unterdrückungsmechanismen im pädagogischen und bildungspolitischen Bereich für aktivistische Zusammenhänge sorgt.

Je nach Intension des rebellischem Gustos und interkulturellen Kontextes, kann dies eine frei wählbare Mehrfachdiskriminierung-Stereotype ins Leben rufen, gegen diese man sich im Einzelnen kaum wehren und zu einer eklatanten Beschränkung der Meinungsfreiheit und Zensur führen kann.

Eigenschaftszuweisende Mehrfachdiskriminierung kann auf Grund vieler Merkmale und Zuschreibungen passieren, z. B. geschlechtliche Identität, sexueller Orientierung, sozioökonomischer Status, Behinderungen oder Krankheiten, Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit etc., etc. und der Fantasie der moralinsauren Trittbrettrassisten sind keine klischeehaften Grenzen gesetzt.

Im Konzept der intersektionalen Stereotype, welche die Verflechtung mehrerer gesellschaftlicher Diskriminierungsformen ermöglicht, wird betont, dass geschaut werden muss, zu welcher Zeit, an welchem Ort, in welchem sozialen Umfeld Machtunterschiede und Diskriminierung vorherrschen.

Es muss illusionsfrei ermittelt werden, was das dies für die augenscheinlich Betroffenen und deren meist negativen Vorurteile bedeutet und welche benachteiligenden Auswirkungen sie auch tatsächlich mit sich bringen und nicht nur als hetzerisch provokante Sprechblasen eine öffentliche Blossstellung und Brandmarkung bewirken wollen.

Leider wird das oft nur als Versuch dargestellt, um Teile unserer Kultur obligatorisch mit Hautfarbe zu identifizieren, welche eine „ideologisch rassistische Farbenblindheit“ forciert, die eine Überkompensiertheit von emanzipierten Schuldgefühlen, welcher Art auch immer, erzeugt und ein kulturfixiertes Täter/Opfer-Szenario schafft, das in alle Lebensbereiche abfärben soll.  

Es wird dabei von den pseudo-intellektuellen Neandertalern der progressiven Szene vergessen, dass Kultur vom offenen Austausch der Völker lebt, und dass die Menschen Mitglieder von verschiedenen Sub-Kulturen sein können und sich ohne weiteres derer typischen Eigenheiten bedienen dürfen, ohne deren indigenen Grundwerte zu verletzten und diskriminierend zu wirken.

Wer die Vermischung der unterschiedlichen Kulturen in den Bereichen Kunst, Literatur, Sozialwissenschaften, Film und sogar in der Küche als verbotenen, ausbeutenden Diebstahl bezeichnet, betreibt einen Hinterhof-Rassismus, der auf eine Ghettoisierung der internationalen Kulturlandschaft abzielt.

Karl May und Winnetou im Fadenkreuz

Es ist ein bodenloser Unfug, der mich an Auswüchse hochgeistiger Verwirrung erinnern, wenn man Kindern an Fasnacht oder Halloween die Verkleidung mit Indianer-Kostümen verbieten will, weil mit Federschmuck und Kriegsbemalung eine stereotypisches Bild der Native Americans vermittelt wird.

Dies bewirke, aus dem zeitgeistlichen Kontext herausgerissen, eine kulturelle Aneignung, die zu dem Abbild eines „Klischee-Indianer“ führt und dieser sich dadurch diskriminiert fühlt. Nur schade, dass dies bisher dem indigen Ureinwohner Amerikas verborgen blieb, in keinster Weise zur Kenntnis genommen oder beanstandet wurde.  

So ist es kein Wunder, dass der von Karl Mays erfundene indianischer Romanheld Winnetou wieder einmal ins Fadenkreuz der „Wokeness-Mania“ geraten und zu einem Politikum geworden ist. Er wurde ja bereits vor grauen Zeiten in der DDR zensiert, was im liberalen Westen bisher als unvorstellbar angesehen wurde.

Als aktuelles Opfer wurde die Neuverfilmung „Der junge Häuptling Winnetou“ erkoren, indem der fiktive Sohn des fiktiven Oberhauptes der Apachen die Hauptrolle spielt.

Der Ravensburger Verlag hat diesen Film zum Anlass genommen, neben einem Puzzle, einem Sticker-Heft, auch ein Kinderbuch und ein Erstlesebuch auf den Markt zu bringen, welche danach aufgrund der „vielen negativen Rückmeldungen“, von wem auch immer, aus dem Programm genommen wurden.

Die Begründung des Verlages hört sich wie ein schlechter Treppenwitz an und man verkündete, dass man bei „bei den genannten Winnetou-Titeln, nach Abwägung verschiedener Argumente, zu der Überzeugung gelangt ist, dass angesichts der geschichtlichen Wirklichkeit, der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung, hier ein romantisierendes Bild mit vielen Klischees gezeichnet wird.“ Der Stoff sei weit entfernt von dem, wie es der indigenen Bevölkerung tatsächlich ergangen sei.

Wenn man diese Argumentation hört, wird man schlicht und ergreifend an graue Nachkriegszeiten erinnert, wo das Sächsische Volksbildungsministerium eine internen Stellungnahme verfasste, die  eine Karl-May-Produktion vom Standpunkt der Volkserziehung grundsätzlich ablehnte.

Sie verführe die Jugend zur kritiklosen Anhimmelung billiger Räuberromantik und trübt ihren Blick für die Auseinandersetzungen mit dem wirklichen Leben und daraufhin die Zentralverwaltung für Volksbildung in Ost-Berlin entschieden hat, dass es keine Karl-May-Produktionen geben darf.

Wenn man bedenkt, dass Karl May nie in Amerika war und keinen indigen Ureinwohner jemals zu Gesicht bekam und die in den USA lebenden Indianer weder Winnetou kennen noch die Filme darüber und bei uns helle Aufregung herrscht, dass eine Verunglimpfung dieser einst so stolzen Volksstämme durch die Ravensburger Kinderbücher und die Ausstrahlung der Karl-May-Filme erfolgt, muss man sich wirklich an den Kopf fassen und fragen, ob die Verlagsgeschäftsleitung ganz bei Sinnen war und ich hoffe, dass sie für diese idiotische Reaktion eine hohe, monetäre Rechnung präsentiert bekommt.

Im Jahr 1981 hatte sich selbst das Politbüro der DDR entschlossen, die Einstellung zum Häuptling der Apachen zu revidieren und der Jugendbuchverlag Neues Leben verkündete, dass die alltägliche Gewöhnung des Lesers an Abenteuer in Literatur, Film und Fernsehen, die Karl Mays Texte zum Teil als blass oder harmlos erscheinen lasse.

Dies allerdings war ebenfalls für die ARD ohne Relevanz, da sich die Programmverantwortlichen in hochnotpeinlicher, geistiger Armseligkeit veranlasst sehen, die Winnetou-Filme aus ihren künftigen  Sendungen zu verbannen, wobei sich das ZDF und der Bayerische Rundfunk leicht distanzierten und auch diverse Karl-May-Filme in Zukunft als Filmklassiker zur Ausstrahlung zulassen wollen. Dies allerdings mit der Einschränkung, dass man immer prüfen will, ob die jeweiligen Filme mit den sonstigen Programm kompatibel sind.

Als absolute Krone der geistigen Umnachtung, teilte das ZDF erschreckenderweise dem Fernsehvolk mit, dass man das I-Wort bei zukünftiger Kommunikation mit dem Sender vermeiden muss, da es mit rassistisch geprägten Begriffen keine zusätzliche Plattform für die Diskriminierung von marginalisierten Minderheiten bieten will und im Fall des Verstosses diese Kommentare ignoriert und nicht senden wird.

Dies alles passt zu dem katastrophalen Gesamtbild, welches die Sendeanstalten des öffentlichen Rundfunks im Moment abgeben und nichts unversucht lassen die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Systems in Frage zu stellen und sich als gebührenfinanzierter Staatsfunk selbst abzuschaffen.

Die ausgeprägte monetäre Selbstbedienungsmentalität der Intendanten und ihrer Gefolgsleute passt wie das Tüpfelchen auf dem „i“ zu dem rückgratlosen Gebaren einer kulturmarxistischen Vollzugsorganisation, die einer prostituierenden Zeitgeist-Käuflichkeit frönt.

Es wird eine Kultursensibilität an den Tag gelegt, die zum Himmel schreit und es Zeit wird, dass diese in die ewigen Jagdgründe der regierungsgelenkten „woken“ Mainstream-Medien eingeht.

Es wäre vermutlich das Beste, was diesem aufgeblähten und unbeweglichen Riesenapparat, der ständig unter seinen Möglichkeiten handelt, passieren könnte und von weiteren Peinlichkeiten befreit.

Wer sich vorsätzlich als Handlanger für virtuelle Bücherverbrennungen von geifernden und orientierungslosen Obermoralisten und verdeckten Rassisten hergibt und sich für deren populistischen, auf niedrigen Beweggründen basierten, Zwecke missbrauchen lässt, hat seine Daseinsberechtigung verloren und sollte schleunigst von der öffentlichen Bildfläche verschwinden.

Es kann und darf nicht sein, dass mit der Unterstützung des Staatsfunks, eine ideologisch versiffte und überwiegend anonym agierende Minderheit mit ihrem zensorischen Gebaren bestimmen kann, was in unserer Kulturwelt erlaubt bzw. verboten ist und wie die Menschheit kulturell zu funktionieren hat.

Eine reformierende Erneuerung der öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft ist deshalb von absoluter Notwendigkeit, ebenso wie Überlegungen bezüglich einer Zwangsgebührenbefreiung, wie sie in Frankreich bereits vollzogen wurde.

Wer keinen Wettbewerb fürchten muss, weil die Nutzer keine Möglichkeit des Boykotts haben und das Geld aufgrund der üppigen Gebührenfinanzierung so oder so fliesst, der verfällt allzu leicht in eine behäbige, beratungsresistente Dekadenz und muss in seine Schranken verwiesen werden.

Grenzen der Respektlosigkeit

Wir müssen uns bei aller euphorischen Befürwortung des Kulturaustausches darüber im Klaren sein, dass alle Arten der kulturellen Aneignung, die marginalisierte Kulturen verhöhnen oder verspotten, absolut indiskutabel sind und verboten werden müssen. Das muss besonders dann der Fall sein, wenn es sich um den Kampf gegen ungleiche Machtverhältnisse, Ausbeutung und Rassismus handelt.

Dabei ist es in manchen Dingen schwierig, aus einem Begriff, der eine spezifische Herkunft hat, eine Art universell ethisches Gesetz für das Verhältnis zwischen den unterschiedlichsten Kulturen abzuleiten.

In vielen Fällen ist es wie bei der Kritik problematisch, zwischen „guter“ und „schlechter“ Aneignung zu unterscheiden, da es so etwas wie eine ursprüngliche, authentische Kultur gar nicht gibt, sondern alles schon immer angeeignet war und erst durch die Kolonialisierung und heute durch die Digitalisierung im Internet eine grosse Verbreitung erfuhr.

Es wäre deshalb ratsam die Perspektive umzudrehen und nicht zu sagen, was man darf oder auch nicht, sondern die kulturelle Aneignung als Gebot für eine kulturelle Schaffenskraft anzusehen, die fasziniert, begeistert und uns in vielen Dingen des täglichen Lebens voranbringen kann.

Im Vergleich zu den irrwitzigen Debatten in den sozialen Netzwerken, wo Leute meist anonym darüber diskutieren, was wem verboten werden soll, ist der Mensch in der gelebtem Praxis eigentlich viel weiter und geht völlig selbstverständlich und meist auf respektvolle Art und Weise mit kultureller Aneignung um, ohne dabei in Ausbeutungs- und Rassismusverdacht zu geraten.

Nicht nur durch die Literatur wird die Einfühlung in nicht-eigene, heutige Lebenswelten ermöglicht, welche die vielschichtigen, widersprüchlichen und wandelbaren Identitäten verdeutlich, die im Spannungsfeld von Glaubwürdigkeit und Vielseitigkeit angesiedelt sind.

Wir müssen uns deshalb dagegen wehren, dass unsere kulturelle Sichtbarkeit auf einzelne, aus dem Zusammenhang herausgerissenen Facetten reduziert und eine aktive, ambivalente Täterrolle unterstellt wird, die diskriminiert und sich an fremden Kulturgut bereichert.

Kulturelle Aneignung wird sich immer im Spannungsfeld von Kreativität und Verunglimpfung sowie der Ausbeutung von Minderheiten bewegen, welche bedingt durch ungleiche Machtverhältnisse in Einzelfällen, zu berechtigten Protesten Anlass gibt und dann verboten werden muss.

Wenn man über die Entstehung und die Herkunft von Dingen, die man geniessen, nutzen und mit denen man sich schmücken will, Bescheid weiss, kann man aber kaum verletzend und diskriminierend sein und bewegt sich auf einem zulässigen Terrain.

Ein absolutes No-Go muss aber immer sein, dass kulturelle Elemente, die mit Gewalt oder Herabsetzung in irgendeiner Form verbunden sind, wie das z. B. durch das Tragen von Davidstern, Ku-Klux-Klan Kapuzen und Nazi-Symbole erfolgen kann, verboten werden, was obligatorisch auch für Handlungsweisen, wo die Hautfarbe eine ausgrenzende Rolle spielt, zwingend zutreffend sein muss.

Schlussbetrachtung

Die komplexen Debatten um die Phänomene Identitätspolitik, kulturelle Aneignung, „Cancel Culture“ und „Political Correctness“ haben zuletzt gezeigt, wie dünn die gegenseitige Toleranz oftmals ausgebildet ist und wo die demokratische Diskussionskultur an ihre Grenzen stosse kann.

Ehemals ein Herrschaftsinstrument, um Widerspruch und abweichende Meinungen mundtot zu machen, richtet sich der Zensurvorwurf inzwischen meist pauschal gegen alle und jeden.

Der Terminus kulturelle Aneignung und dessen differenzierte Interpretationen entwickelt sich dabei in einzelnen Bereichen zu einer Ideologie, die sich sukzessive als radikal und menschenverachtend erwiesen hat. Bei diesen verfehlten Betrachtungsweisen wird der Versuch unternommen, die Menschheit und ihre Kulturen zu segmentieren, sprich in „Rassen“ einzuteilen, wobei diese in den Schubladen einer menschverachtenden Pseudo-Diskriminierung abgelegt werden.

Besonders perfide wird es, wenn dies dann noch zusätzlich mit den wohlklingenden und sinnverfälschenden Worten „Empathie“, „Diversität“, „Gleichheit“ und „Inklusion“ in Verbindung gebracht wird.

Es wird damit das Konzept der Erbsünde und Sippenhaft befürwortet, wobei ich Sühne für  begangenes Unrecht nur durch ewiges Fegefeuer erhalte. Welch ein Irrsinn und wo bleibt hier der nachhallende Aufschrei der Andersdenkenden in Politik und Gesellschaft?

Wer konsequent die kulturelle Aneignung weiterverfolgen will, um irgendein Unrecht an wem auch immer anprangern zu können, muss die belletristische Literatur aller Epochen und Genres unter Generalverdacht stellen und darauf pochen, dass die meisten Roman-Klassiker sowie Drehbücher für Theateraufführungen und Filme umgeschrieben bzw. verboten werden müssen.

In besonderem Masse wäre davon auch die Jugendliteratur und deren Liedgut betroffen, was bei Pippi-Langstrumpf schon erfolgt ist und aus dem ursprünglichen „Negerkönig“ ein „Südseekönig“ wurde.

Dem Wikingerjungen Wicki würde ähnliches drohen, weil brandschatzende nordische Krieger in dessen Episoden ihr Unwesen trieben. Selbst das TV-Sandmännchen fällt darunter, da man keine Folgen mehr senden wolle, in denen das „I-Wort“ genannt wird.

Es darf nicht sein, dass das Vorlesen des „Struwelpeters“  und die Geschichten von Wilhelm Busch unter einen generellen Rassimusvorbehalt fallen, ebenso wie es mit den Kinderliederlieder „Zehn kleine Negerlein“ oder „Ten little Indians“, der Fall war und aus ihnen „Zehn kleine Kinderlein“ wurden.

In diesen Fällen wird aus einem „wohlmeinenden Rassismus“ ein „moralisierender Rassismus“, der automatisch assoziiert, dass über die Kindheit hinaus das Gedankengut vorherrscht, dass Menschen mit anderer Hautfarbe, mit anderer Glaubenslehre und anderen Gewohnheiten weniger wert sind als die, welche wie wir leben, denken und glauben.

Besonders beschämend ist, wie nachsichtig die „vierte Macht“ im Staat gegen diesen Wölfe im ideologischen Schafspelz vorgeht und sich lieber über verdummende Debatten dieses Genres erfreut als diese strikt abzulehnen. Laute Shitstorms in den sozialen Medien sind kein Zeichen von mehrheitlicher Ablehnung und Zustimmung, sondern werden überwiegend als Werkzeuge für eine scheinbare Willenserzwingung und Meinungsmanipulation missbraucht.

Wer kulturelle Aneignung absolut verbieten will, betreibt Mord an der Kultur und definiert den Kulturbegriff lediglich aus einer pseudo-politischen Perspektive. Dabei wird Kultur mit Nationen gleichgesetzt und nicht ausreichend berücksichtigt, dass Nationen unterschiedliche Kulturen in ihren Grenzen vereinigen können, oder auch durch Grenzen geteilt werden, was für sprachliche und geographische Räume gleichermassen zutreffend sein kann.

Es werden Definitionsperspektiven unterstellt, die aufgrund von Übergeneralisierung und Stereotypisierung Gemeinsamkeiten suggerieren, die oft nicht vorhanden sind und Zusammenhänge zwischen Kultur und Handeln und Kultur und Kommunikation verfälscht dargestellt werden.

Wenn wir obligatorisch der Überzeugung sind, dass bei der kapitalistischen Aneignung von traditionellen Gegenständen verschiedener Ethnien, wir diese im Kontext der materiellen Kultur ihrer Werte und Identifikation berauben, dann erleben wir das letzte Zucken einer wünschenswerten kulturellen Vielfalt.

Wir würden uns einer vergifteten postmodernen Empörungskultur ergeben, welche kulturelle Aneignung als Totschlagargument benutzt und damit eine unzulässige kulturelle Anmassung begehen, weil wir anderen Kulturkreisen nicht vorschreiben dürfen, wofür sie sich diskriminiert und ausgebeutet fühlen sollen.

Es ist doch eine wunderbare Sache, wenn Menschen von anderen Menschen traditionelle Kleidungsstücke, Mode, Musik, Gerichte und Verhaltensweisen übernehmen, diese mit den eigenen mischen, dabei Neues entwickeln und Spass haben.

Wer eine andere Sprache lernt und sich diese aneignet, kann dadurch Zugang zu einer Kultur gewinnen, die er sonst nur aus dritter Hand erfahren hätte und es darf nicht nur eine Frage der Zeit sein, dass die woken Aktivisten das Nutzen von Fremdsprachen als kulturfeindliche Übergriffigkeit ansehen und damit eine Missbrauchshandlung definieren.

Wir müssen erkennen, dass kulturelle Aneignung keine kulturelle Demütigung ist und im Sinnes des Wortes die Grundlage für Teilhabe darstellt und nichts mit Enteignung zu tun hat, weil es vordergündig um Erwerb und das Hinzulernen geht.

Gerade in der Gastronomie gibt es ungeahnte Möglichkeiten des kulturellen Austausches sowie der Aneignung und der Vielfalt. Das zeigen, die in den internationalen Restaurants angebotenen Speisen und Getränke, welche unsere Kulinarik in herausragender Art und Weise bereichert.

Die ausländischen Gaststätten, Imbisse und Lebensmittelläden haben deutsche Städte nachhaltig und sichtbar verändert und Pizza, Sushi, Döner Kebab, Paella, Spaghetti, Cordon bleu, Rösti etc., etc., sind aus unserem Speisenangebot nicht mehr wegzudenken.

Ich liebe z. B., unter vielen anderen, die japanische Küche und lasse mir gerne Sashimi vom Lachs und Tuna im Restaurant und auch zuhause munden, was im Grundsatz nicht als Akt einer kulturelle Aneignung betrachtet wird.

 Kritisch soll es aber sein, wenn ich als „Weissbauch“ von einem anderen Weissen lerne, wie man „indigenes Essen“ zubereitet und es könnte damit eine Aneignung kultureller Errungenschaften vorliegen, bei denen Grenzen überschritten werden.

Es könnten sich japanische  Völkergruppen angegriffen fühlen, weil ich damit meine „weissen Privilegien“ durchsetzen will und ich mir beim Geniessen mit Stäbchen womöglich noch Sake munden lasse und einen Männer-Kimono mit Obi trage, den ich von einer meinen Reisen aus Japan mitgebracht habe.

Wer sich einer solch doktrinären Dünnbrettbohrerei anschliesst, muss sich allerdings nicht wundern, dass er von dem überwiegenden Teil der modernen Zivilgesellschaft für meschugge angesehen wird und sich damit selbststätig ausgrenzt.  

Allem deutschen Ernährungskonservatismus zum Trotz, ist das persönliche  Geschmacksempfinden glücklicherweise so wandelbar wie die Identität geworden und hat eine eigene Kommunikation und Wesensmerkmale entwickelt, welche die Grenzen der Herkunft, Sprache und Kultur nachhaltig überwinden.

Genauso muss es sich in allen anderen Bereichen des sozialen Umfelds verhalten und es ist unabdingbar, dass eine strenge Grenze zwischen Rassismus und normaler Durchmischung von verschiedenen Kulturen und Bräuchen gezogen wird.

Es darf nicht sein, dass die Nutzung  kultureller Eigenheiten nur Angehörigen bestimmter Völker zugestanden wird, was an das Weltbild von rechtsradikalen und zunehmend auch linksradikalen identitären Bewegungen, in Form einer „kulturellen Apartheid“, erinnert.

Wenn Roberto Blanco einen Tiroler Hut und Lederhose trägt, asiatischer Kampfsport betrieben, Tango getanzt und Yoga praktiziert wird, darf es nicht sein, dass dies von irgendwelchen, fehlgeleiteten Gesinnungsidioten als verbotene kulturelle Aneignung angesehen wird und wir uns deshalb einer wünschenswerten  „Transkulturalisation“ verschliessen und als kulturelle Überläufer oder Verräter stigmatisiert werden sollen.

Das Prinzip der Kulturalisierung und Kultivierung wird immer aus einer imaginären und faktischen Homogenisierung der eigenen Kultur und den Kulturen anderer Nationen und Völker bestehen.

Es werden permanent  Ähnlichkeiten und Überschneidungen ins Spiel gebracht, die der Komplexität einer modernen Gesellschaft gerecht werden sollten und wir lernen müssen, damit vorurteilsfrei umzugehen.

Alles, was lediglich in der Vergangenheit verankert ist und nicht kontinuierlich dem modernen Zeitgeist der Globalisierung angepasst wird, stellt eine fortschrittsfeindliche Identitätsblindheit dar, die zu einer gesellschaftspolitischen Isolierung führt und an längst überwundene Zeiten erinnern wird.    

Am „Deutschen Wesen“ und mit einer deutschen Leitkultur, wird auch in diesen Bereichen die Welt nicht genesen, weil sich der Rest der Erdbewohner, historisch bedingt, sehr schwer damit tun wird.

Das liegt ursächlich daran, dass neben den ewig besser wissenden Extrem-Chaoten, die deutsche Politik leider auch die Meinung vertritt, dass wir mehr oder weniger beckmesserisch wissen, was der Menschheit und der Umwelt moralisch besonders dienlich ist und man idealerweise unserer hypothetischen Vorbildfunktion und dem damit verbundenen Missionierungsdrang folgen sollte.

Nur gut, dass dem so nicht ist und wir gut daran tun, nicht unsere letzten Sympathien zu verspielen, die fortschreitende, negative Imagewandlung ernst nehmen und das Renommee des unverbesserlichen „Musterknaben“ endgültig begraben.  

„Es spricht vieles dafür, dass in einem leeren Kopf Vorurteile besonders blühen“

Sir Peter Ustinov

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4 Comments

  1. Hallo Chef,

    absolute Zustimmung zu dem Murks mit der kulturellen Aneignung. Kulturelle Vermischung prägt die gesamte Menschheitsgeschichte; dieses einzelnen Leuten oder Gruppe zum Vorwurf zu machen, ist völlig daneben. Allerdings: man sollte gelegentlich doch seine Wortwahl prüfen. „Es kann und darf nicht sein, dass mit der Unterstützung des Staatsfunks, eine ideologisch versiffte und überwiegend anonym agierende Minderheit mit ihrem zensorischen Gebaren bestimmen kann, was in unserer Kulturwelt erlaubt bzw. verboten ist und wie die Menschheit kulturell zu funktionieren hat.“ Ideologisch versifft? Na ja…Und was die kulturelle Aneignung bei Bob Marley mittels Dreadlocks angeht – verstehe ich nicht. Der hatte eine schwarze Mutter, wuchs erst im ländlichen Jamaika und dann in Trenchtown, einem Ortsteil von Kingston auf. Der hat sich nix angeeignet, sondern entstammt dieser Kultur. Ansonsten, wie gesagt, volle Zustimmung.

    • Danke für den Kommentar und die grundsätzliche Zustimmung. Bei Bob Marley liegt anscheinend ein Missverständnis vor. Ich meinte nicht, dass bei ihm eine mögliche kulturelle Aneignung vorgelegen hat, sondern bei den deutschen Bands, die ihn bei uns zu dieser Zeit gecovert haben. Mit ideologisch versifft bezeichne ich den „linken Mainstream“, wo irgendwelche „Gutmensch-Idioten“ sich berufen fühlen, in den sozialen Medien den gesellschaftlichen und auch politischen Ton anzugeben und damit eine systematische Verrohung der Sprache und des kulturellen Gedankenguts forcieren will. Ich hoffe,, hiermit die bestehenden Irritationen bereinigt zu haben.

  2. It is interesting to learn that similar things are happening in other countries. Your comments are directly related to the German culture but the general principles are also happening in Brazil. A small amount of people are dictating what the rest of the population can or can not do.

    • Thank you for the comment from Brazil. We live in a very crazy world where many extreme reactionary activists permanently try to tell us what is morally permissible and what we have to do, how and where. I think that this unculture can be seen in many other countries and Germany is no exception. In our country, however, the protesting chaotic people are very diligent and persistent, as this seems to be part of the basic German mentality and thoroughness.

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