Gesellschaftlicher Umbruch und moralischer Verfall im Gleichschritt – Muss das sein?

Gesellschaftlicher Umbruch und moralischer Verfall im Gleichschritt – Muss das sein?

Wenn man die öffentlichen Debatten der letzten Jahre in den Medien verfolgt, beschleicht einem zunehmend das Gefühl, dass der, vornehmlich durch den Klimawandel geforderte gesellschaftliche Umbruch in Richtung grosser Transformation und die Zwistigkeiten bezüglich Pandemie und Zuwanderung, mit einem Verfall der klassischen Moralvorstellungen einhergeht. Dies betrifft nicht nur die Zivilgesellschaft, sondern auch die politische Parteienlandschaft, wo man sich zur Durchsetzung von Meinungen und Auffassungen Instrumentarien bedient, deren Streitkultur bis in die Militanz abgleitet und einer gewissen „Entmoralisierung“ Vorschub leistet.

Dieser Fortschritt an moralischem Rückschritt ist u. a. darin begründet, da in der multikulturellen Welt der Moderne die Bedeutung der Religion und der Metaphysik stetig abnimmt und dadurch eine quasi moralische Auszehrung bewirkt wirkt. Durch den Zusammenprall von unterschiedlichen Kulturen und Staatsformen bleibt das Verbindende auf der Strecke, ebenso wie die gesellschaftsübergreifenden Gemeinsamkeiten.

In den heutigen Krisenzeiten zeigt sich das besonders auffällig bei der Europäischen Union, wo man sich wirklich die Frage stellen muss, was die Mitgliedsstaaten eigentlich noch verbindet, da eine Einigkeit bei der Beurteilung des Pandemiegeschehens und der Abwehr der Klimawandelfolgen nur rudimentär zu verzeichnen ist. Zur Erhaltung einer Scheineinigkeit wird der Versuch unternommen die Gemeinschaft buchhalterisch in „grün“ und „nicht grün“ einzuteilen, damit Geldströme entsprechend gesteuert werden können, ohne dabei zu beachten, dass mit dieser bipolaren Art der Taxonomie die Stabilität der Finanzmärkte gefährdet werden könnte.

Diese Verstrickung in Widersprüche ist nicht nur bei der Klimapolitik zu verzeichnen und die geführten Debatten sind politisch, medial und gesellschaftlich realitätsfern und heuchlerisch. Mit dieser opportunistischen Doppelmoral geht ein Werteverfall einher und es entwickelt sich zunehmend eine pluralistische Ethik der Institutionen, welche von festen, allgemeinverträglichen Handlungsmustern abweicht und in fast allen Politikfeldern zu moralische Zwickmühlen führt.

Deutschland versucht sich als hypergrüner Moralapostel und notorischer Besserwisser zu positionieren, vergisst aber, dass man im Bereich der Aussen- und Zuwanderungspolitik eine ausgeprägte Bündnisunzuverlässigkeit entwickelt hat und manövriert sich damit immer weiter ins politische Abseits der Isolation.  

Diese Wankelmütigkeit wird uns in eine tiefgreifende moralische Krise führen, welche zu einer ängstlichen Orientierungslosigkeit führt und die auseinanderstrebenden Tendenzen das öffentliche Bewusstsein beunruhigen.

Wir lassen uns von moralischen Zufälligkeiten leiten, da wir über das betreffende Geschehen keine ausreichenden Erklärungen haben bzw. über nachvollziehbare Evaluierungen verfügen. Es ist praktisch unmöglich gemacht worden, dass wir moralische Urteile fällen können, die richtig oder gerecht sind. Das Kriterium der Angemessenheit, welches ein moralisches Urteil kennzeichnen sollte, verschwimmt im Ether der Widersprüchlichkeiten und man wird zum Mitläufer degradiert, dem anscheinende das moralische Rückgrat abhandengekommen ist.

Durch die Komplexität der Vorgänge und Problemstellungen, bekommt man das Gefühl, dass es in einem gewissen Sinn keine Lösungen dafür gibt und wir mit mehr und weniger faulen Kompromissen unser Dasein fristen müssen, deren moralische Bewertung sich im klassischen Bezugsrahmen erübrigt.

Wir können Fehler nicht mehr erkennen, da ein Netz aus falschen Annahmen, irreführenden Bildern, überzogenen Erwartungen, fehlgeleiteten Hoffnungen und Theorien, die klar formulierten Moralvorstellungen der Vergangenheit konterkariert. Es gab eine Zeit, in der weder moralischer Zufall noch die Praxis des Lobens und Tadelns der Politik als problematisch empfunden oder als rechtfertigungsbedürftig angesehen wurde und man ging moralisch gefestigt zu Werke.

Heute sind wir aber mehr und mehr der Meinung, dass die politisch Handelnden ihr Tun nicht unter Kontrolle und in ihrer Gewalt haben und lediglich ihren ideologischen Wunschvorstellungen folgen.

Dieses Misstrauen gegenüber den Regierenden und deren Tätigkeiten löst in der modernen Gesellschaft eine gewisse Moral-Ohnmacht aus und führt zu deren Auszehrung, da der moralische Auftrag, Freiheit und Wohlfahrt der Bürger, nur noch unzureichend erfüllt wird.  

Eine Ethik, die nur noch den Handelnden dienlich ist, wendet sich gegen den mündigen Bürger, weil sie unverständlich geworden ist und gegen die Prinzipien des Sozialstaates verstösst. Die professionellen Sphären von Wissenschaft, Technik und Ökonomie dürfen kein Buch mit sieben Sigeln darstellen und die Politik muss in der Lage sein, die komplexen Zusammenhänge in einer allgemeinverständlichen Sprache dem Bürger näherzubringen. Mit dem Verbreiten von apodiktischen Verlautbarungen sowie dem Erlassen entsprechender Gesetze und Verbote, werden moralische Gewissensbisse verursacht und Zustimmungen nach bestem Wissen und Gewissen unmöglich gemacht.

Der monotheistisch anmutende, moralische Imperativ, den heute die politisch Handelnden in der Regierung für sich in Anspruch nehmen und lauthals propagieren, soll der Selbstlegitimation des eigenen Tuns und somit auch des Staates dienen. Man ist sich nicht im Klaren darüber, dass diese keinen Widerspruch zulassende Geisteshaltung auf viele Bürger entmoralisierend wirkt, da sie diese reine Machterhaltungspolitik, die zunehmend noch von dem Wohlwollen starker Interessengruppen (NGOs) abhängig ist, nicht akzeptiert und für verwerflich hält.  

Zweifelhafte bzw. falsche Entscheidungen mit Zitaten von Philosophen zu rechtfertigen, die zum Überfluss noch in einem falschen Kontext dargebracht werden, ist ein Zeugnis dafür, dass die Politiker sich in einer ureigenen Moralblase bewegen, bei der die klassischen Elemente der Moralität nur ein verkümmertes Dasein führen.

Die Relevanz der eigenen ethischen Position mit einer theoriegeschichtlichen Wirksamkeit, wie von Immanuel Kant mit dem berühmten kategorischen Imperativ postuliert, in der Gegenwart gleichstellend zu bemessen, spricht für die geistige Entrücktheit, der den Boden der Realität verlassenden, Politkoryphäen. Momentan gibt es sehr viele davon, die mit Macht in das politische Wallhalla, der auf dem Schlachtfeld der Ideologie gefallenen Propheten der apokalyptischen Fehleinschätzungen, einziehen wollen.

Dafür gibt es im Grundsatz nur die erklärende Vermutung, dass der Mut fehlt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen oder man keinen hat, weil die jeweilige Ideologie sich bevorzugt derer bedient, die über möglichst wenig davon verfügen.

Man versucht zwar die Bioethik in den Vordergrund der Zukunftsüberlegungen einzubinden, welche die ethische Reflexion beim Umgangs der Menschen mit der belebten Umwelt und mit dem Leben der anderen, den Tieren, der Natur und mit medizinischen wie auch biotechnischen Anwendungen, widerspiegeln soll.

Deren Ziel ist es, einen gesellschaftlichen Konsens zu finden, um eine moralische Grundlage zur Aufstellung normativer Regeln, Gesetzen und Entscheidungsgrundlagen für den verantwortungsvollen Umgang mit dem Leben finden und liefern zu können.

Obwohl sehr viel über diesen Konsens geredet wird, existiert dieser im tatsächlichen Leben nicht, weil es anscheinend nicht möglich ist, ein allgemein akzeptiertes, parteienübergreifendes Arrangement zu finden, das über die Schwachpunkte einer politische Koalition hinausgeht und normative Gestaltungswirkung besitzen könnte.

Das scheitert hauptsächlich daran, weil man sich einigen müsste, wer es ist und wer mit welchen anderen eine Übereinstimmung finden muss, die das normative „Wir“ konstituiert. Hierzu gibt es nicht nur eine Antwort, sondern eine Pluralität davon.

In der Vergangenheit wurde die christliche Moral als alleinige, unverzichtbare Wertvorstellung und Geisteshaltung angesehen, was aber wegen dem prinzipiellen Pluralismus der Moralen der Moderne und derer Begründungen nicht mehr unserem Zeitgeist entspricht. Durch die unterschiedlichen Weltbilder, die von ihren jeweiligen Philosophien und Sprachen geprägt sind, lassen sich Ansprüche auf eine Allgemeingültigkeit, wie von Kant gefordert, nicht mehr verwirklichen und es muss nach heutigen Gesichtspunkten eine praktische Relevanz des kategorischen Imperativs in Frage gestellt werden.

Nichtsdestotrotz kann es aber durchaus noch sinnvoll sein, bei gewisse Handlungen den kategorischen Imperativ zur moralischen Beurteilung hinzuzuziehen und seine Ethik nicht als vollkommen obsolet anzusehen, auch wenn die Politik die Rolle einnehmen will, die Gott bei seinen Betrachtungen spielte. Der Staat beabsichtigt mit seinen Appellen an das Unbedingte eine neue Sittlichkeit zu etablieren, deren Interesse und Forderung an die Gemeinschaft, im Widerspruch zu unseren eigenen, privaten Interessen stehen kann.

In der modernen Moraltheorie darf die moralische Selbstbestimmung nicht unterdrückt werden und ihr muss ausreichend Platz eingeräumt werden. Der Mensch ist kein vollständig rationales Wesen und der benötigt Gesetze und Regeln, die seinen Willen lenken. Diese sollen aber keine signifikante Beschränkung des freien Willens darstellen, sondern müssen diesen in seiner Individualität respektieren.

Es ist deshalb durchaus legitim, dass seitens der Politik ein gewisser Zwang zum moralischen Handeln in unserem menschlichen Sozialverbund ausgeübt wird, der aber aufgrund der Komplexität der heutigen pluralistischen Gesellschaft und derer arbeitsteiligen Struktur, eine kreative Auslegung der vorgegebenen moralischen Regeln gestatten muss.

Diese Art der sozialkulturellen Individualisierung hilft die Gegensätze zwischen Zwang und autonomen Handeln zu überwinden und führt zu einem rationalen Einverständnis und gleichzeitiger Vertrauensbildung.

Moral darf kein ewiges und unveränderliches „Gesetz“ sein und muss imstande sein, sich gesellschaftlichen Entwicklungen anzupassen.   

In Deutschland hat sich nach dem zweiten Weltkrieg in den Fünfziger Jahren eine gewisse Stabilität entwickelt und ein wirtschaftliches Wachstum war zu verzeichnen. Aus der dadurch gebildeten Sozialstruktur hat sich eine strikte, kleinbürgerlich-biedere Moral entwickelt, die sich im Laufe der Jahre merklich abschwächte.

Durch den steigenden Wohlstand veränderte sich die soziale Struktur und der Trend zur Auflösung der recht homogenen Gesellschaft nahm unweigerlich zu und eine Polarisierung machte sich breit, welche durch die Wiedervereinigung forciert wurde.

Die Moral als Herrschaftsinstrument anzusehen, wie es Nietzsche tat und die Verankerung von bestimmten Ideologien als ethische Grundlage zu nutzen, ist nur dem Willen zur Macht geschuldet und richtet sich gegen das demokratischen Gesellschaftsverständnis.  

Der Wandel von der Moraltheologie, welche sich auf die christlichen Glaubenssätze stützt, zur Moralphilosophie der Moderne, muss Gesinnungs- und Verantwortungsethik in gleichem Masse berücksichtigen. Man muss bei den politischen Verantwortungsträgern erkennen, dass die, der Zweck heiligt alle Mittel Attitüde, niemals der alleinseligmachende Massstab für das Handeln sein darf und kann.

Der individuelle Moralanspruch der Bürger darf nicht durch eine überzogene öko-sozialistische Moral der demagogischen Weltverbesserer eliminiert werden, weil sie in ihrer schwarzseherischen Radikalität den Rechtsstaat in Gefahr bringen könnte.

Der Verzicht an sich, ist in der Regel für den Menschen kein grosses Problem, wenn er eine ausreichend begründete und sinnstiftende Beantwortung der Frage bekommt, wofür und für was er leiden soll und wem diese Entbehrungen tatsächlich nützen.

Momentan hat es den Anschein, dass hier die Meinungen der Regierenden und der Bürger gegenläufig sind und die Argumente der Politik für eine einseitig anmutende Weltrettung keine wirkliche Stichhaltigkeit aufweisen und dem Eigeninteresse zur Erhaltung der Macht geschuldet sind.

Moralismus mit totalitären, spassbefreiten Zügen verliert die politische Neutralität und diese Art der Hypermoral neigt dazu das im Grund „Gute“ zu verlieren und zu einem Schimpfwort zu werden.

Generell betrachtet kann es nicht zu viel Moral geben, wenn die ideellen Leitbilder nicht das Realitätsprinzip ins Wanken bringen und eine lebenfreundliche Ethik unmöglich machen.

Die Politik und auch die Gesellschaft ist angehalten, moralische Kompromisse zu suchen und zu finden, welche von rechts und links Ideologien sowie guten und bösen Schwarz-Weiss Ansichten befreit sind und ohne einen permanent erhobenen Zeigefinger der ethischen Korrektness auskommt.

Eine Gesellschaft ohne Normen, Sitten und zeitangepassten Handlungsweisen kann und darf es nicht geben, weil der Umgang miteinander immer humanistische Gesetzmässigkeiten erfordert.

Deshalb muss es eine Moral im Plural geben, die nicht einer Erstarrung unterliegt und eine Flexibilität aufweisen muss, welche nicht die Gesellschaft untergräbt. So hat auch der „Umweltsünder“ und „Impfgegner“ eine wichtige Funktion im Entwicklungsprozess der Moral. Durch seine unkonventionellen Handlungen sorgt er für moralische Konflikte, welche es notwendig machen, die bestehenden Normen immer wieder neu zu justieren und auszuhandeln.

Wir leben in einer Verkettung von Ursache und Wirkung, wo allerdings die Gesetzmässigkeiten der Physik nicht auf das wirkliche Leben übertragen werden können, weil einfach zu viele gefühlsbetonte Faktoren unser Dasein bestimmen und in ihrer Unterschiedlichkeit schier grenzenlos sind. Deshalb ist es wichtig ein funktionierendes Gleichwicht von Interessen und Nutzen zu finden und danach zu handeln.

Eine moralische Überlegenheit, wie sie von vielen Politikern apostrophiert und mit der Vergänglichkeit der Welt begründet wird, ist anscheinend der Auslöser und Antrieb den Bürgern irgendwelche Rollen zuzuweisen und für sie institutionelle Entscheidungen zu treffen, die möglichst widerspruchslos hingenommen werden sollen.

Dadurch wird der Möglichkeit des Missbrauchs Vorschub geleistet und das Misstrauen in die philanthropische Redlichkeit der getroffenen Massnahmen nimmt kontinuierlich zu.

Bei der Vielfältigkeit der globalen Problemfelder und Krisenherde ist es notwendig zu erkennen, dass man die Not in vielen Bereichen nicht lindern und das Helfen eigentlich immer nur exemplarisch erfolgen kann. Wer sich dies vergegenwärtigt, hat die erforderliche Demut in sich, zu erkennen, dass Wolkenkuckucksheim-Anforderungen, die nur einer rechthaberischen Selbstbefriedigung dienlich sind, auf die Gesellschaft entmoralisierend wirkt und die eigene Reputation beschädigt.

Moralische Massstäbe müssen immer einer materiellen und geistigen Nutzen-Agenda unterworfen sein und dies müssen besonders die politischen Übermenschen erkennen, die sich und ihre getroffenen Massnahmen als unfehlbar ansehen.

Sie müssen akzeptieren, dass der Mensch, auch wenn er recht unpolitisch und einfältig erscheint, eine innere Reife hat und in ihm althergebrachte moralische Vorstellungen verwurzelt sind, die es ihm erlauben, Ursache-Wirkung-Machtspiele nach Sinn und Wertigkeit zu beurteilen und bei unakzeptablen Spielregeln, diese auch abzulehnen.

Die Ethik des Alltags mit einer Moralkeule zu gestalten und legitimieren zu wollen, ist den niedrigen Beweggründen der Pseudo-Moralapostel und derer Dekadenz geschuldet, deren scheinbare Unfehlbarkeit auf tönernen Füssen steht, da man bei Problemlösungen nur die Sachverhalte prüft, die der ideologischen Wunschwelt-Klaviatur nahekommen und opportunistische Dissonanzen nicht zulässt.   

Das Parlament als eine Art Moralagentur anzusehen ist im Grundsatz falsch, auch wenn man Moral in der Politik unbedingt braucht. Schon vorher zu wissen, welche Entscheidung richtig ist und festzulegen, was zu tun ist, ist falsch, weil nicht überprüft wird, welche Folgen dieses Handeln letztendlich haben wird und abgewägt werden muss, ob diese Folgen von der Gesellschaft erwünscht oder auch nicht erwünscht sind.

Diese Abwägung trifft in gleichem Masse auch auf den Bürger zu, wenn er im Alltags- und Berufsleben Entscheidungen treffen muss, die den Umgang von Menschen untereinander regeln und gemeinwohldienlich sein sollen.

Einige dieser notwendigen Abwägungen können zu einem moralischen Dilemma führen, weil man sich zwischen mindestens zwei gleichermassen unangenehmen oder unakzeptablen Alternativen entscheiden muss und dies, wenn keine absoluten Vorrangregeln bestehen, zu einer unangenehmen Konfliktsituation führen kann.

Glücklicherweise haben längst nicht alle moralischen Konflikte die Form eines Dilemmas, auch wenn diese als persönlich belastend angesehen werden. Hier hilft es weiter, wenn man sich an den herkömmlichen moralischen Regeln zur Bewahrung der „guten Sitten“ orientiert und dies versucht in die Überlegungsprozesse miteinzubeziehen.  

Obwohl der antiquierte Begriff der Sittlichkeit aus unserem modernen Sprachgebrauch praktisch verschwunden ist, stellt Sitte und Anstand im eigentlichen Sinn das dar, was in der Gesellschaft normale Anwendung bedeuten sollte und man entsprechend vernünftig, unter Wahrung der Würde, handelt.   

Der moderne Mensch setzt die Sittlichkeit mit einer Werteorientierung gleich und spricht von einem Wertewandel der situationsbedingt unterschiedlicher Art sein kann. Man hat dabei allerdings vergessen, dass es manchmal einer materiellen und immateriellen Sittlichkeit bedarf, um unterschiedliche Werte, während einer bestimmten Sachlage beurteilen und gegenüberstellen zu können.

Diese ethischen Entscheidungen setzen eine Freiheit voraus, die einer gewissen Logik des Willens folgen muss und bereit ist sich freiwilligen Zwängen unterzuordnen, ohne dabei eine Beliebigkeit zu assoziieren. Pluralistische Wahrheiten sollten aber dabei nicht gegeneinander auf- oder verrechnet werden, weil sie den Geltungsanspruch der getroffenen Entscheidung konterkarieren könnten.

Die verbissen geführten Debatten zu den Folgen der Pandemie und des Klimawandels, haben dazu geführt, dass in praktisch allen sozial-politischen Lebensbereichen eine hochgradige Pseudo-Moralisierung zu verzeichnen ist, die auch im Privatleben ihre Spuren hinterlässt.

Es wird seitens der Politik eine rhetorische Strategie gefahren, welche mit moralisch hochgeschraubten Argumenten versucht, den politische Gegner mundtot zu machen, ebenso wie die Kritiker aus der Zivilgesellschaft.  

Dieser aggressive Kader-Moralismus, welche eine Empörungskultur, die einer Helikoptermoral gleichkommt, losgetreten hat, führt dazu, dass eine nüchterne, analytische Reaktion nicht mehr erfolgt und nur noch eine Diskreditierung des Andersgläubigen zum Ziel hat.    

Daraus resultiert eine eskalierende Debattenhysterie, die nicht nur in der Politik, sondern auch im Privatleben ihre Wurzeln hat. Ein typisches Beispiel dafür ist in den unzähligen Polit-Talkshows ersichtlich. Der Philosoph Alexander Grau hat hier nach vielen Recherchen festgestellt, dass der Redner, der seine Position mit einer vom Jargon aufgekratzten Moralität darstellt und permanent auf irgendwelche Ungerechtigkeiten, egal ob fundiert oder auch nicht, hinweist, rhetorisch immer im Vorteil ist.

Wenn derjenige der dann dagegenreden will und dies mit nüchternen und sachlichen Argumenten tut, wird fast automatisch als unsympathisch wahrgenommen. Mit Moral zu operieren, bringt Sympathien, weil es „menschlich“ rüberkommt und derjenige, welcher mit Sachargumenten zu Werke geht als kaltherzig angesehen wird.

Das zeigen auch die unendlichen, moralinsauren Diskurse in der politischen Pandemie- und Klimakirche, es geht nur noch darum seine Standpunkte auf Teufel komm raus durchzusetzen, den Dissens zu unterdrücken und nur die eigene, nihilistische Weltanschauung zuzulassen.

Die Weltgeschichte hat uns gelehrt, dass kein Ideal ausreichend ist, um den Menschen eine umfassende Sinnhaftigkeit zu vermitteln. Wenn sich ein Politiker für „gut“ und „alleinseligmachend“ hält, ist er in der Regel von zu viel Eigenmoral und Selbstsucht verblendet, der ihm den Blick auf das wirklich Wesentliche verschliesst.

Wer sich in einseitiger Panikmache und pathologischer Schwarzseherei ergeht, vergiftet damit die politische Landschaft, verunsichert die Zivilgesellschaft und die politisch Verbündeten. Im Deutschland typischen Fall führt dies zu einer notorischen Besserwisserei, die auf andere Länder lächerlich und abstossend wirkt und in eine Isolation führen kann.

Politiker, welche die Moral als Druckmittel missbrauchen, werden auf Dauer den inneren Kompass verlieren und die daraus resultierende Orientierungslosigkeit wird zu Wertekonflikten führen, die sie zu Aussenseiter in unserer pluralistischen Zivilgesellschaft machen.

Möge deren Ausgrenzung hoffentlich bald geschehen, damit wir uns von jeglichem Hypermoralismus befreien und unser Dasein wieder mit Freude gestalten können, ohne dabei ein aufoktroyiertes schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Wir haben das grösste demokratisch gewählte Parlament mit einer mehr als üppig ausgestatteten Regierung und wir leisten uns zusätzlich noch einen riesigen, noch nie dagewesenen Beamtenapparat. Trotzdem geht es mit unserer staatlichen Gestaltungskraft stetig bergab, weil sich u. v. a. die Politik hinter verlogenen Moralvorstellungen verschanzt und eine verschwurbelte Nichtsnutz-Ethik an den Tag legt, die seinesgleichen sucht.

Die sogenannte Mittelstandsgesellschaft, welche noch hohe moralische Werte aufwies, wird, bedingt durch den digitalen Wandel in die Moderne, immer bedeutungsloser. Durch die versuchte Ausdifferenzierung von Lebensformen mutieren wir zu einer Risikogesellschaft, die den sozialen Frieden in Gefahr bringt und zum Verlust von traditionellen Sicherheiten führt.  

Die dadurch ausgelöste pseudo-moralische Krise hat einen destruktiven Einfluss auf unsere Gesellschaft, welcher bei Beibehaltung des ideologischen Fehlverhaltens, die Spaltung und im Worstcase der Zusammenbruch droht.

Der Beipackzettel der politischen Reform-Medizin zeigt noch zu viele moralisch bedenkliche Nebenwirkungen, die deutlich reduziert werden müssen. Nur über Respekt und Fortschritt zu reden reicht einfach nicht aus, um der Zivilgesellschaft den Eindruck zu vermitteln, dass ihre Grundbedürfnisse, Wünsche und auch Ängste bei den Zukunftsentscheidungen ausreichende Berücksichtigung erfahren haben.

Rückbesinnung sollte zum Wort des Jahres 2022 gekürt werden und zur Wiederbelebung von als obsolet angesehenen moralischen Grundsätzen dienen. Diese Rückbesinnung sollte gleichermassen in der Politik, der Wirtschaft und beim einzelnen Bürger als Richtschnur für die Schaffung von ausgewogenen, modernen Lebensnormen dienen, die nicht in einer demagogischen Subjektivität begründet und darin gefangen sind.

„Die Moral, die gut genug war für unsere Väter, ist nicht gut genug für unsere Kinder“

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

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