Die alten weissen Männer werden müde

Alter weisser Mann als Demütigung
Mit den alten weissen Männern verbindet man das ewig Gestrige, Macht und Privilegien, in vielen Ländern sind und waren sie Staatsoberhäupter, sie haben in der Wirtschaft Chefposten inne, sodass durch diese Vormachtstellungen andere, stereotypische Geschlechtergruppen weniger Mitsprache- und Mitbestimmungsrechte haben, egal ob es sich um Frauen, Diverse und People of Color handelt.
Der Begriff steht dabei nicht für jeden einzelnen, älteren und hellhäutigen Mann, sondern viel eher wird damit auf ein altes Wertesystem hingewiesen, wo seit jeher die Männer in Schlüsselpositionen dominieren und es zunehmend Menschen gibt, die sich darüber echauffieren und deren Privilegien in Frage stellen wollen.
Wenn man den Recherchen von Datenbanken Glauben schenken darf, dann tauchte der Begriff „alter weisser Mann“ in der Neuzeit erstmals im Jahr 1998 in der Medienlandschaft auf. In den USA hat eine Feministin die Republikaner als einen „Haufen dreckiger, alter weisser Männer“ beschimpft, weil sie ein Amtsenthebungsverfahren gegen den damaligen Präsidenten Clinton initiiert haben.
Überwiegend gibt das männliche Geschlecht in Familie, Wirtschaft und Politik den Ton an, wobei in den USA die Hautfarbe weiss eine zusätzliche Hauptrolle einnahm und das Alter, nach Geschlecht und damals noch Rasse, erst die dritte Stelle in der Rangfolge der Sonderrechte einnahm.
Zusätzliche Attribute wie langweilig, mürrisch, fett, rechthaberisch, korrupt und moralisch schmutzig, heizten die Debatten um Gleichberechtigung und Emanzipation noch zusätzlich an und bewirkten einen Bedeutungswandel, der sich allmählich in eine diffamierende und diskriminierende Richtung bewegte.
Diese provokative Entwicklung verlief bei uns in Deutschland in einer weniger rebellischen und von Bürgerunruhen geprägten Art und Weise ab und hat speziell in der politischen Szenerie in den letzten Jahren eine Bewandtnis bekommen, die in Richtung Jugendwahn und übertriebene Generationengerechtigkeit ausartete.
Eine neue Generation von Gerechtigkeitskämpfern will die feministische Diskriminierung und Benachteiligung mit Quoten und Gendersternchen abschaffen und streben mit einer modernen „Inquisition“ den Wandel der Gesellschaft an, die mit den aus den USA herüber geschwappten #MeToo und #BlackLivesMatter Bewegungen zusätzlich genährt wurden und polarisieren.
Besonders in den linken Spektren ist viel in Bewegung und es machen sich neue Generationskonflikte breit, die auf dem unübersichtlichen Kampfplatz der Identitätspolitik auftreten, was in vielen Themenkreisen zu unüberbrückbaren Gegensätzen führt, notwendige Dialoge unmöglich macht und Andersdenkende aus dem Diskurs ausschliesst.
Die Altparteien verlassen zunehmend ihre historischen Betätigungsfelder der sozialen Klassenpolitik, weil die „nachwachsenden Generationen“ dafür sorgen, dass sie ihre politische Vormachtstellung verlieren und gezwungen sind, sich dem neuen Zeitgeist anzupassen und alte, nicht mehr gegenwartsnahe Voreingenommenheiten zu begraben.
Gleichzeitig aber tritt bei den Gruppen, die vehement und oft recht radikal für Gleichberechtigung eintreten, ein Paradoxon auf, indem sie bestimmte Personengruppen ebenfalls ungleich behandeln, worunter in der Regel auch die alten weissen Männer zählen.
Es wird dabei übersehen bzw. ignoriert, dass egal welchen Geschlechtes, mittelmässige Politiker sich mit mittelmässigen Mitarbeitern umgeben, damit bei der weiteren Karriereplanung niemand aus den eigenen Reihen gefährlich werden kann. Anstatt sich mit geschlechts- und abstammungsspezifischen Quoten- und Proporzregelegungen selbst zu schaden, sollte eine Quote für nachweislich qualifizierte Fachleute eingeführt, die tatsächlich etwas von Verteidigung, Gesundheit, Finanzen, Wirtschaft und Organisation verstehen und es dann unerheblich ist, ob es sich um Männer und Frauen, oder Junge und Alte handelt.
Es muss in erster Linie gefragt werden, was die Politiker in Hirn haben und nicht zwischen den Beinen. Wer ideologisch verbohrt auf die starre Befolgung einer Quotenseligkeit beharrt, erweist den weiblichen Geschlecht einen Bärinnendienst, der im Umkehrschluss zu einer Holzweg-Quote führt, welche der Emanzipation der Frau mehr schadet, als wirklich nützt.
Es ist unumstritten, dass es auch öfters zu männlichen Fehlbesetzungen bei Amtsträgern kommt, die einer mangenden Qualifikation geschuldet sind, wie in den letzten Jahren nachhaltig zu sehen und zu fühlen war und dies die alten weissen Männer eher weniger betraf. Deshalb ist es für alle Bewerber von politischen Ämtern von absoluter Notwendigkeit, dass nicht das Parteibuch, das Geschlecht und das Alter eine Nominierung bestimmen darf, sondern dass neben der fachlichen Befähigung auch die Ethik zur Verantwortung, der Blick für die Realität und die pragmatische Bereitschaft zur Gestaltung von bürgerfreundlichen Kompromissen vorhanden ist.
Altes Eisen versus Junges Gemüse
Altbundeskanzler Helmut Schmidt bemerkte einst auf die Frage, ob eine politische Tätigkeit nach dem Eintritt in das arbeitsrechtliche Rentenalter noch ausgeübt werden sollte, dass ein Amt zu bekleiden und zu führen nicht eine Frage des Alters ist, sondern eine Sache der politischen Erfahrung, des Augenmasses, der Urteilsfähigkeit, der Disziplin im Denken und Handeln und, selbstredend, eine Frage der mentalen und physischen Gesundheit.
Bereits in den 60 und 70er Jahren war ein, von liberalsozialistischen Ideologien befeuerter Jugendwahn zu verzeichnen und das Schlagwort „Trau keinem über 30“ machte die Runde. Im Marketing und auch der Politik galt Jugend als ein Markenzeichen des Fortschritts, der Zukunft und Dynamik.
Man hat sich aber recht schnell wieder von diesen pubertären Vorstellungen verabschiedet, da man merkte, dass Jugend kein Verdienst und Alter keine Schande ist und umgekehrt ebenso.
Die Herabsenkung des Wahlalters auf 16 Jahre und die Freigabe von Cannabis kann aber durch aus als eine Art Omen angesehen werden, dass ein gesellschaftlicher Umbruch bei uns als notwendig erachtet wird, da ein drohendes demographisches Ungleichgewicht eklatante Auswirkungen auf den Generationsvertrag haben und dieser in eine Schieflage geraten könnte.
Fragen über dessen Gerechtigkeit werden von den jüngeren Altersgruppen zunehmend gestellt, da durch den Rückgang der Geburtenrate und durch die Wiedervereinigung viele Arbeitnehmer aus der ehemaligen DDR in die Rentensysteme aufgenommen wurden, die zuvor nichts oder im Verhältnis nur wenig in die Rentenkasse eingezahlt haben. Das führt dazu, dass die gesetzliche Altersversorgung auf einem sehr wackeligen Fundament steht und die Renten zwangsläufig sinken werden, wenn keine entsprechenden Vorkehrungen seitens der Politik erfolgen.
Dieses manchen alten weissen Männern anzulasten, ist bedingt nachvollziehbar, doch der Umstand, dass die Rentenversicherungen die eingezahlten Beiträge vor der Rentenreform nicht zur Vorsorge ausgebaut, sondern das Vermögen vielfach anderweitig verschwendet haben, ist eine Kollektivschuld, die alle Politiker und Parteien angeht.
Wenn Politiker im Pensionsalter im Amt bleiben, wird oft vorschnell geurteilt, dass es denen dabei nur um Macht und/oder Sesselkleberei geht. Der Wert von verdienten Politveteranen wird dabei, wie es im Geschäftsleben ebenfalls der Fall ist, oft unterschätzt oder falsch beurteilt. Es wird nicht ausreichend erkannt, dass ihre Erfahrung, Fachkenntnis und gute Vernetzung von hohem Nutzen sein kann und es schwierig ist, diese Oldtimer adäquat ersetzen zu können.
Die älteren Politiker haben auch oft den Vorteil, dass sie unabhängiger sind, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie leichter fällt und evtl. Überforderungen eher die Ausnahme sind.
Die Argumente, dass die alten „Eisen“ dem jungen „Gemüse“ obligatorisch Platz machen sollen, sind von unsinniger Art, da die Gefahr, dass die Parteien den Nachwuchs bei der Personalplanung vergessen, nicht existiert. Die Chancen, dass jüngere Generationen politische Ämter innehaben können, waren noch nie grösser als heute und viele Studienabbrecher und Berufsunerfahrene partizipieren davon.
Dennoch muss der Gedanke mit im Vordergrund stehen, dass sämtliche Generationen in der Politik eine gewichtige Stimmen haben sollen und es ein Unding ist, dass den altgedienten Polithaudegen die Legitimität abgesprochen wird, sich weiterhin politisch zu engagieren und bei der anstehenden Zeitwende ihre fachliche Eignung mit einzubringen.
Diese Art von Disrespektierung des Alters sollte eigentlich kein Thema mehr sein, da das Vorurteil, dass bei den Ü-65jährigen die Pflegestufe oder das Altersheim nicht mehr weit sei, so etwas von abgedroschen und nicht relevant ist, ebenso wie die Behauptung, dass die ältere Generation kein Interesse hätte langfristig zu denken und zu handeln.
Hier tritt die verletzende Macht einer mangelnden Höflichkeit und Achtung in den Vordergrund, was eine beliebige Austauschbarkeit von Personen und ihrer Rollen betrifft und es entstehen Kollisionen zwischen den Amtsträgern und den Persönlichkeitsstrukturen der Nachfolgegeneration, welche drohen in Verkennung, Missachtung und Verletzung auszuarten.
Wer hat Angst vor dem alten weissen Mann?
Umfassende Studien und Untersuchungen haben gezeigt, dass die Geringschätzung des Alters durch die jüngeren Generationen von unsinniger Art ist. Es ist bewiesen, dass sich die kognitiven Fähigkeiten hinsichtlich der geistigen Wahrnehmung und der Denkprozesse zwischen dem 20. und dem 60. Lebensjahr kaum verändern und Gegenteil sogar Entscheidungen von den Älteren bewusster und verantwortungsvoller getroffen werden.
Es wurde sogar festgestellt, dass die Offenheit gegenüber politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen sogar zunimmt und erst mit über 70 Jahren den maximalen Wert erreicht. Als noch geistig aktiver Mitsiebziger kann ich diese Ergebnisse nur unterstreichen und fühle mich durchaus noch in der Lage im beruflichen und privaten Sektor Entscheidungen zu treffen die von vorausschauender, zeitgemässer Wertigkeit sind.
Diese Fähigkeit soll aber nicht automatisch implizieren, dass Politiker ewig im Amt bleiben sollen, weil die Alten zwangsläufig die besseren Denker sind, denn ein Abschied oder Rücktritt kann durchaus auch das System stärken, indem man Platz schafft für neue Köpfe, Ideen und Werte.
Eine funktionsfähige Demokratie lebt von der Erneuerung, der Kreativität der Jugend, aber auch von Erfahrung, Wissen und Reife. Die Attitüde, den alten weissen Männern generell eine Absage zu erteilen und diese vom aktiven politischen Tun fernzuhalten, ist nicht nur anmassend, sondern würde auch eine Verschwendungen von humanen Ressourcen bedeuten.
Die Frage wer Angst vor dem alten weissen Mann hat, ist von sehr komplexer Art und nicht einfach zu beantworten. Es ist bekannt, dass die exponentiell zunehmenden Diversität-Prediger, die Vertreter von fehlgeleiteten Jugend-Organisationen und jüngere Feministinnen, den Alten vorwerfen auf Kosten der Jungen zu leben und damit ihre Zukunft zerstören. Wer unser Land aufgebaut und zum Wohlstand verholfen hat, damit man ein komfortables Leben führen kann, interessiert nur am Rande.
Die Übersetzung eines Zitats des englischen Schriftstellers, Journalisten und Propheten der spitzen Feder, G. K. Chesterton zeigt rudimentär, was die Betreiber der Altersguillotine antreibt und oft ausser Acht lassen: „Ich glaube, was in der Geschichte wirklich passiert, ist Folgendes: Der alte Mann hat immer Unrecht; und die jungen Leute haben immer Unrecht mit dem, was an ihm falsch ist. Während der alte Mann an einem dummen Brauch festhält, greift der junge Mann, egal ob hetero oder schwul, ihn mit einer Theorie an, die sich als ebenso dumm erweist.“
Klischees und Vorurteile als Stimmungsmacher
Die Metapher des alten weissen Mannes, der sozusagen für alles Böse in der Welt verantwortlich ist, weil er nach Ansicht der Feministinnen die Macht, die ihm aufgrund des Patriacharts unrechtmässig in den Schoss gefallen sei, ausnutzt und diese nicht abgeben will, bekommt besonders in den Reihen der Klimawandel-Aktivistinnen als Feindbild eine breitere Bewandtnis.
Die gefühlte, vielschichtige Vormachtstellung des Mannes in der Familie als Ernährer und finanzieller Mehrverdiener, in der Politik und in den Unternehmen als Taktgeber und Überbleibsel einer kulturellen Herrenrassen-Idee ist ein schmerzender Dorn im feministischen Auge.
Dies führt anscheinend bei einigen Aktivistinnen zu massiven Eintrübungen, die einen klaren, situationsgerechten Blick verhindert und als Anlass für einem geschlechtsbezogenen, missionarischen Kreuzzug ausreichend ist.
Er wird Vorurteilen ausgesetzt, gegen diese man sich nur schwer wehren kann, da eigentlich von diesen Anklägerinnen nicht eindeutig definiert wird, um welche Spezies es sich genau handelt.
Die einen sehen darunter alte Männer, die Frauen ekelhaft angehen, sie nicht ernst nehmen und unangenehm auffallen, andere dagegen Männer, die symbolhaft Türen verschlossen halten, wenn Frauen Räume betreten wollen, in denen Männer das Sagen haben und besonders dafür sorgen, dass „vor allem junge Frauen in wichtigen Gremien, Aufsichtsräten, Stiftungen, Parteien und Chefetagen bis zur Irrelevanz unterrepräsentiert sind“.
Frauen fühlen sich im „System“, was das auch bedeuten mag, ungerecht behandelt und machtlos. Sie sehen Männer vornehmlich als machtversessene Zukunftsverweigerer, die Antworten haben, ohne nachzulesen, grundsätzlich keine Fehler machen und nicht klein beigeben wollen.
Den verbalen Angriff auf alte weisse Männer trotz allem als strukturellen Rassismus zu bezeichnen ist unsinnig, es handelt sich hierbei um meist nicht haltbare, pauschalisierende Argumente, Verunglimpfungen und Beleidigungen, bei der viele der männlich Betroffenen eine unverhältnismässige, „weisse Zerbrechlichkeit“ und Überempfindlichkeit zur Schau stellen.
Dies sorgt dafür, dass die „Empörtheiten“ öfters überzogen daherkommen und dabei die Debatten mehr anheizt werden als dafür zu sorgen, dass ein vernünftiger Dialog zwischen den Kontrahenten ermöglicht wird.
Es wäre sicherlich ein Fehler, wenn man die fanatischen Ereiferer, mit ihrer schon fast pathologischen Pseudo-Seniorendiskriminierung, als obligatorisch „hirnkrank“ oder „revanchistisch“ ansehen würde, nur weil sie von der Erfüllung und Durchsetzung falsch verstandener Ideale und Vorstellungen besessen und oft in ihrer pubertären Entwicklung stehen geblieben sind und keine Qualifikationen vorweisen können.
Fakt aber ist, dass durch deren Einseitigkeit und Rigidität eine destruktiv Entartung der Geschlechterbeurteilung provoziert wird, welche zu einer unakzeptablen Kollektivbeleidigung führt.
Was sich allerdings ungeachtet dieser Dekadenz erhebt, ist die berechtigte Frage, was gewonnen werden soll, wenn im Namen des Feminismus und der ausufernden Juvenilität ein autoritäres Klimaschutz-Moralregime des eigenen Rechts errichtet wird, welches die Errungenschaften und Prinzipien der Demokratie unterwandert und versucht sie obsolet zu machen.
Soll an die Stelle von gemeinsamer Verständigung das eigenbrötlerische Handeln einer Schar von selbstgerechten Pseudo-Revolluzer treten, die anscheinend nur sich selbst gegenüber rechenschaftspflichtig sind und keine Bereitschaft zeigen, den eingeschlagenen Irrweg zu verlassen?
Wer diesen einseitig gepolten Aktivisten applaudiert, anstatt sie auf ihre gesamtstaatlichen Verpflichtungen hinzuweisen, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt und macht sich mitschuldig.
Die mit der Frauenfrage verbundene Weinerlich- und Wehleidigkeit, welche aufgrund der neuen politischen Gefühligkeit vermehrt in den Vordergrund tritt, darf sich nicht als ein Schutzschild für die weibliche Politiker erweisen, die ihren Aufgaben offensichtlich nicht gewachsen sind und zu bedauernswerten Frauenopfern hochstilisiert werden.
Der Imperativ, dass Frauen alles schaffen können, ist falsch und trifft genauso auch auf die Männer zu. Gleichstellung muss immer eine Wahlfreiheit beinhalten und darf nicht zu einer falschverstandenen, quotierten Überforderung führen, bei welcher die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ für alle eine gewichtige Rolle spielen muss.
Einigkeit und Recht und Gleichheit
Wir müssen uns von der Idee der universellen Gleichheit genauso verabschieden, wie von den Bestrebungen Einzelner klientelpolitische Interessen auf Gedeih und Verderb durchboxen zu wollen. Es darf nicht dazu kommen, dass immer kleiner werdende Gruppen von Lobbyisten Ausschlusskriterien festlegen, welche die Chancengleichheit als eine der Grundlagen der Demokratie zu einer Farce werden lässt, die im Kern für niemand nützlich ist.
Das strukturelle System unserer Gesellschaft wird immer auf einer ungleichen Machtverteilung basieren, die unterschiedlich von den verschiedenen ethnischen Spezies wahrgenommen und interpretiert wird.
Lernen durch Leiden war ein Baustein, durch welchen die emanzipatorischen Entwicklung beschleunigt wurde und zum Ziel hatte, dass Lebenschancen beeinträchtigende Hindernisse abgebaut werden. Nun werden im Umkehrschluss im öffentlichen Diskurs diffamierende Debatten über privilegierte, alte weisse Männern geführt, die sich schuldig fühlen, dadurch selbstkritischer und sensibler werden sollen, oder im Idealfall den Abschied von der politischen Bühne einreichen.
Es ist sicherlich nicht rechtens, dass auf unserem Kontinent teilweise Frauen immer noch, um gleichwertige Privilegien innehaben zu können, kämpfen müssen. Sie dürfen aber auch nicht vergessen, dass die gesamte Evolution, vom Einzeller bis zum alten weissen Mann, ein Produkt von Zufällen ist und ausser unserem imaginären Schöpfer niemand dafür verantwortlich gemacht werden kann.
Es erscheint irgendwie beschämend und absonderlich, wenn man den Zufall nicht zu reflektieren vermag, als Mann in die Staatsbürgerschaft einer der reichsten, friedlichsten und sichersten Gegenden der Welt hineingeboren zu sein, wo formelle und informelle Privilegien eine gewisse Norm darstellen, um die uns ganze Weltteile beneiden.
Für mich fühlt es sich nicht schlecht an, als alter oder alternder weisser Mann angesehen zu werden. Ich empfinde mich nicht als Opfer des Alters-Bashing, habe mit den meisten negativen Unterstellungen nichts am Hut, hege die gleiche Empathie gegenüber Frauen, Männern und Minderheiten und ignoriere die unsinnigen Gender-Debatten und Provokationen, besonders wenn es sich darum dreht, ob die jungen Frauen, die besseren alten Männer wären.
Ich habe hart dafür arbeiten müssen, um einige kleine Privilegien in Anspruch nehmen zu können und lasse mir deswegen kein schlechtes Gewissen einreden, auch wenn ich einige Vorurteile mit mir herumtrage, wie es eigentlich jeder Mensch tut. Den Versuch zu unternehmen, mich deswegen in die Schablone des diskriminierenden Rassismus hineinzupressen, ist von abartiger Art.
Ich habe das Alte und auch das Neue in allen Teilen der Welt gesehen und mit beidem eine Zeitlang leben müssen/können/dürfen und dabei festgestellt, dass weder Teile des Alten und des Neuen das Gelbe vom Ei sind und waren und es den gewünschten Idealzustand niemals geben wird.
Mein Platz in der Opferhierarchie ist unten angesiedelt und als Nachkriegsgeborener wurde meine Leidensfähigkeit glücklicherweise nie besonders herausgefordert. Mir aber, nur aufgrund von Alter, Geschlecht und Hautfarbe ungerechtfertigte, auf biologischen Fakten fussende, Bevorzugungen zu unterstellen, halte ich für eine identitätspolitische Gesinnungsidiotie.
Die Versuche, durch moralisch verschleierte Retourkutschen eigene Unzulänglichkeiten zu überdecken und durch plakative Einschüchterungspraktiken eine Ausgrenzung des „bösen Gegners“ zu erreichen, stellt für mich eine Charakterschwäche dar, die ich beim besten Willen nicht ernst nehmen und nur mit Ignoranz strafen kann.
Die Typisierung und Klassifizierung anhand profaner Schemata verleitet viele ideologietrunkene Aktivisten wenig zu differenzieren und scheren, ihrer moralischen Selbstermächtigung und Kurzschlüssigkeit geschuldet, alles über einen Kamm, was einer Pflege der eigenen Beschränktheit gleichkommt.
Wenn man sich die #MeToo-Puritanismus-Debatten genauer anschaut, sitzen in letzter Zeit neben den alten weissen Hetero-Männern auch ebenso viele weisse junge Männer, Schwule, People of Color und Migranten auf den Anklagebänken und sogar Frauen sind darauf gesichtet worden. Im Sinne der stigmatisierenden Gleichberechtigung müsste also inzwischen auch von der alten weissen Frau die Rede sein, die ja auch immer omnipräsenter geworden ist.
Seit den Zeiten von Maggie Thatcher marschieren die europäischen Politikerinnen strammen Schrittes durch die Parlamente und deren Institutionen. Sie segnen ebenso absurde Wirtschafts-, Handels- und Klimaverträge ab und dies mit der gleichen Härte wie die männlichen Kollegen.
Einige Beispiele, wie Angela Merkel, Theresa May, Marie Le Pen, Beata Szydło, Marie-Agnes Strack-Zimmerman, Christine Lagarde, Ursula von der Leyen und nicht zuletzt Alice Schwarzer sind Zeugnis davon, dass auch das weibliche Geschlecht nicht zimperlich mit Privilegien umgeht und mit Aktionen aufwartet, die ebenfalls autoritäre Züge aufweisen, die manchen alten weissen Mann in den Schatten stellt und blass aussehen lässt.
Interessant ist auch zu vermerken, dass eine neue Form der feministisch angehauchten, psychologischen Kriegsführung Einzug in der politischen Welt gehalten hat, die versucht sich nun auch im globalen Wettbewerb in der Innen,- Aussen- und Verteidigungspolitik durchzusetzen. Dafür soll eine Art „Stöckelschuh-Deeskalation-Strategie“ sorgen, die aber zum Teil recht irritierend daherkommt und oftmals mehr wie ein Marketing-Gag wirkt.
In diesem Zusammenhang getätigte Aussagen unserer Aussenministerin, dass Frauenrechte ins „Zentrum der Klimaschutzmassnahmen“ gestellt, oder dass der „Zusammenhang zwischen Genderfragen und Klimakrise umfassend thematisiert“ werden müssten, wirken zumindest auf mich, sehr befremdlich, wenn ich sehe welche brutalen Realitäten in der Welt vorherrschen und welche feministische Konklusionen daraus erwachsen.
Wenn man ihre weitere Aussage, dass das anstehende sechste Sanktionspaket Deutschlands und der EU dazu beitragen werde, Russland derart zu schädigen, dass „es volkswirtschaftlich jahrelang nicht mehr auf die Beine kommt“, muss man sich schon fragen, wie dies mit einer feministischen Aussenpolitik in Einklang gebracht werden kann. Sie führt anscheinend einen Krieg gegen Russland und nicht gegen den Tyrannen Putin und ist sich der daraus resultierenden Langzeitkonsequenzen nicht bewusst.
Den Gipfel der geistigen Geschlechterrollen-Masturbation stellt für mich ein Beitrag in der TAZ mit dem Titel „Krieg ist das Ding mit Gemächt“ über das „männliche“ Russland und die „weibliche Ukraine“ dar, wo phallische Panzer in das ukrainische Weibchen eindringen. Auf Redakteurinnen die mit Schlussfolgerungen, welche eine toxische Männlichkeit betreffen, bei der assoziiert wird, dass Russlands Eier aus Stahl sind und sein Sperma Schwarzpulver ist, kann die Medienwelt und auch die Politik getrost verzichten.
Sie sind Zeichen dafür, dass militanter Feminismus dieser Art kaum dazu beiträgt, dass eine Deeskalation auf dem ins Absurde abgleitenden Feld der inflationär anmutenden, geistig genderblinden Gaga-Geschlechterdiskussionen erreicht wird.
Die Menschheit lebt in der Annahme, dass Frauen weniger kämpferisch als Männer sind, was in der Regel auch zutreffend ist. Studien über die Weltgeschichte haben aber gezeigt, dass Königinnen und Kaiserinnen im Vergleich zu Königen und Kaiser häufiger in zwischenstaatliche Kriege verwickelt waren. Ausserdem war es wahrscheinlicher, dass sie im Laufe ihrer Herrschaft Territorium hinzugewannen. Es ist ein Trugschluss, dass von Frauen geführte Staaten friedlicher sind als von Männern geführte Staaten.
Fazit der lyrischen Art
Alle Menschen haben im Prinzip das Recht, eigene kollektive und/oder individuelle Identitäten zu entwickeln und für diese einzutreten, was aber nicht als moralischer Freibrief angesehen werden darf, dies in einer Unbeugsamkeit zu tun, welche einen Überbietungswettbewerb der verbohrten Gesinnungen vom Zaun bricht und es dadurch zu gesellschaftspolitischen Ausgrenzungen in der Bevölkerung kommen kann.
Deshalb sollten alle Beteiligten bemüht sein, eine ausgleichende, weniger moralinsaure Gesinnungshaltung und eine angemessene, wechselseitige Rücksichtnahme zu bevorzugen, um ein „freieres Leben“ im gemeinsamen Miteinander gestalten zu können.
Mit kollektiver Selbstbemitleidung, Schicksalbeklagung und Schuldzuweisung werden wir unseren verklemmten Universalismus beibehalten und die anscheinend immer noch ausgeprägten gesellschaftlichen Trennlinien zwischen Mann und Frau, Alt und Jung, Schwarz und Weiss werden nicht beseitigt und behalten ihren spaltenden Charakter bei.
In Anlehnung an das Lied „Die weissen Tauben sind müde“, welches Hans Hartz bereits im Jahr 1982 zum Besten gab, sind mir folgende finale Worte in den Sinn gekommen:
Die alten weissen Männer werden müde.
Komm her Ricarda ein letztes Glas.
Geniessen wir den Augenblick.
Ab morgen gibt’s statt Wein nur Wasser.
Komm her und schenk uns noch mal ein.
So viel wird morgen anders sein – Ricarda die Welt wird langsam blasser.
Die weissen alten Männer werden müde, sie herrschen lange schon nicht mehr.
Sie haben viel zu schwere Gedanken und ihre privilegierten Reservoirs sind längst leer.
Jedoch die von Ideologien besessenen Erben machen weiter.
Sie sind so stark wie nie vorher, ihre Basis wird immer breiter und täglich kommen immer mehr.
Nur die alten weissen Männer wollen nicht mehr.
Denn so wie heute, wird es nie mehr sein und die Welt reisst von der demokratischen Leine.
„People of colour“? Leute von Farbe? Ach ja, das sind Farbige. Ist ja ein toller Begriff, gelle? Ein bißchen anglifizieren und alles klingt besser. Und auch hinter dieser Möhre trottet der Gutmensch brav hinterher. In Afrika regieren übrigens zumeist „alte schwarze Männer“……hahahahaha….. Ich kann mich über dieses „böse, alte, weisse Männer“-Geschwätz immer köstlich amüsieren. In der Musikszene wurde schon der früh der Begriff „boring old farts (bof)“ aufgebracht, um die angeblich langweiligen und überkandidelten klassischen Rockbands gegenüber der Punk-/Wave-Szene herabzusetzen, die ja so viel lebendiger sein sollte. Jetzt sind die UK Subs oder Gary Numan selber alte Fürze. Und bald werden es eben Coldplay oder Daft Punk sein. Komisch allerdings, dass nie von bops (boring old pussies) die Rede ist.
Danke für den erfrischend heiteren Kommentar. Auch ich kann mich an dem “böse, alte, weisse Männer”-Geschwätz amüsieren und finde mich als alters- und farbmässig Betroffener nicht als Sippenhaftopfer. Ihren “boring old farts (bof)” Ausdruck kannte ich noch nicht und es geht sehr schnell, dass aus den jungen Pupsern alte Fürze werden und wenn es ihnen gelingt in der Zwischenzeit erfolgreich zu bleiben, ist ja alles gut gelaufen. Was die bops (boring old pussies) anbelangt, haben wir zwar auch eine nicht unbeträchtliche Menge im gesellschaftlichen Repertoire, doch die halten sich, von kleinen Schwarzer Ausnahmen abgesehen, verbal zurück, da der Kelch des #MeToo Gedöns an den Meisten (leider?) ohne Folgen vorübergeht.
Wie immer bei Deinen Posts: sehr viel Text, aber sehr viel wahrer Inhalt. Leider springst Du immer über das Stöckchen Deines Links/Rechts-Schemas, aber das nehme ich in Kauf
Je sorgfältiger man ein Blog-Thema beäugt und sich mit den unterschiedlichsten Nuancen der recherchierten Befindlichkeiten auseinandersetzt, um so grösser fällt zwangsläufig der Textbeitrag aus. Da ich davon ausgehe, dass umfangreichere Kenntnisse sich für den Leser, der ja nicht unbedingt mit den Zusammenhängen und Aspekten vertraut ist, nicht schädlich auswirken, sondern horizonterweiternd sein können, habe ich kein schlechtes Gewissen dabei. Sorry, das Links-Rechts-Schema und die daraus resultierenden Erkenntnisse und Schlussfolgerungen ist keine Erfindung von mir, sondern ein Teil der momentan gelebten Demokratie. Die Politik lässt ja nichts aus, um diese Polarisierungen permanent zu befeuern und für Irritationen zu sorgen.