Cancel Culture – Ein neuer K(r)ampfbegriff zur Beeinflussung der Debattenkultur?

Während der in den Medien sehr kontrovers geführten Debatten zum Klimawandel, der Pandemie und der Migration, ist zunehmend der Begriff Cancel Culture als Synonym für einen möglicherweise gefährlich werdenden Angriff auf die Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt in den Fokus der breiten Öffentlichkeit geraten.
Der aus den USA importierte politische Begriff, der sich ursprünglich gegen linke Politik richtete, von der konservative Kräfte befürchteten, dass unliebsame Meinungen „gecancelt“, sprich als unerwünscht boykottiert bzw. zensiert werden. Dies würde einer ungerechten Diskreditierung gleichkommen und zu Unterdrückung und Ächtung von zeitkritischen Personen führen, die keine starke Lobby in der Gesellschaft haben, nicht bedingungslos den Mainstream-Meinungen folgen und sich Gehör verschaffen wollen.
Bei den öffentlichen Diskussionen, welche politische und gesellschaftliche Bereiche betrifft, wird legitime, scharfe Kritik zunehmend als diffamierend und bedrohend angesehen.
Unabhängig von der politischen Stossrichtung oder gesellschaftlichen Stellung, werden die Kritiker als Leugner bzw. Systemfeinde stigmatisiert. Die Aussagen stellen eine unentschuldbare Missachtung der öffentlichen Ordnung dar und haben einen obligatorischen Ausschluss von weiterführenden Debatten zur Folge. Es wird assoziiert, dass der Kritiker sich auf einem gefährlichen Irrweg befindet, welcher das Gefüge unserer pluralistischen Gesellschaft zerstören will. Er wird deshalb als „Persona non grata“ mit leugnerischer, staatsfeindlicher Tendenz angesehen und an den öffentlichen Pranger gestellt.
Diese Art der, von vielen als Zensur empfundene, Alternativlosigkeit, rückte bei uns in den Mittelpunkt, als sich vermehrt Stimmen meldeten, die angeblich die Klimakrise und die Corona-Pandemie verharmlosten und sich nicht unisono mit den von den Regierungen getroffenen Abhilfemassnahmen einverstanden erklärten.
Ohne Zweifel befanden sich darunter sogenannte Querdenker, die mit aberwitzig gefährlichem Gedankengut zu Felde zogen, das keine Toleranz zuliess. Gleichzeitig wurden aber auch eine Vielzahl von Meinungen der Wissenschaft in den gleichen Topf geworfen und als falsch bzw. nicht existent angesehen.
Bedingt durch diese apodiktischen Verhaltensweisen, wurden Netzwerke, wie idw-europe.org und cancelculture.de, ins Leben gerufen, die sich für eine Debattenkultur ohne einem Klima von Angst und persönlicher Diffamierung einsetzt und vor diktatorisch anmutenden Zensuren seitens der Oberaufseher einer neuen Weltordnung warnen.
Attitüden, wie „Ich gut – Du böse und Ich weiss – Du nicht“, dürfen nicht den Diskurs zur Herausbildung von Wahrheiten bestimmen. Eine auf Rationalität und auf einem ungezwungenen Konsens basierende Meinungsbildung, fernab von populistischer Polemik, muss im Mittelpunkt der sachlichen, verbalen und semantischen Auseinandersetzung stehen.
Wie der Philosoph Jean-François Lyotard trefflich bemerkte, darf der Diskurs nicht am Ende eines Legitimierungsprozesses stehen. Das postmoderne Wissen findet seinen Grund nicht in der Übereinstimmung der wissenschaftlichen Experten, sondern im Bedeutungswandel und der Widervernünftigkeit. Den Konsens als Ziel der Diskussion anzusehen, wäre eine blanke Aggression und eine Herausstellung der Nichtübereinstimmung kann durchaus zu einem gemeinsamen Wissen führen, das einer sinnvollem Weiterentwicklung dienlich ist.
Leider sind wir von dieser Art der Debattenführung und der Respektierung von konträren Ansichten oft meilenweit entfernt und es wird nichts unversucht gelassen, den Andersdenkenden in seiner Reputation zu schädigen und die Eigene zu erhöhen.
Es ist auch zu verzeichnen, dass nicht immer nur Personen im Mittelpunkt stehen, sondern auch politische Inhalte und künstlerische Darstellungsweisen ins Kreuzfeuer der Dispute gelangen, welche die Hassliebe zur kollektiven Zensur herausfordern.
Speziell das Internet und die sozialen Medien sorgen dafür, dass durch ideologische Unsinnigkeiten und Bashing eine Verrohung der Sprachkultur und Geisteshaltung eintritt. Hassreden sowie Falschnachrichten machen in Windeseile die virtuellen Runden im Internet und sorgen für widerliche Shitstorms von ungeahnten Ausmassen, was mit einer rational begründeten Kritik absolut nichts zu tun hat und barbarische, menschenverachtende Züge aufweist.
Vielen Menschen fehlt es an einer notwendigen Toleranz, was den Umgang mit der Gesellschaft und andersdenkenden Mitbürgern anbelangt. Das soll aber nicht heissen, dass man aus ablehnenden Ansichten keinen Hehl machen und diese nicht auch scharf kritisieren darf. Wenn auch die Wertschätzung für den Gegenüber fehlt, sollte man ihm anständig, das heisst mit gewissen Respekt und Benimm begegnen und nicht mit auf Verunglimpfung und Ausgrenzung basierender Rhetorik gegenübertreten.
Wir müssen vermeiden, dass Orwells „1984“ Visionen in Erfüllung gehen, und Sprache so reduziert wird, dass Zweifel und Kritik nicht mehr möglich sind.
Das Thema Cancel Culture überzubewerten ist sicherlich falsch und wir tun gut daran dies entspannter zu sehen. Trotz herrschender Tendenzen ist die Meinungsfreiheit in Deutschland weiterhin gegeben und jeder kann seine Gedanken ungehindert preisgeben, wenn sie nicht gegen geltendes Recht und die guten Sitten verstossen.
Cancel Culture kann aber durchaus als wichtiges Instrument angesehen werden, um diskriminierendes und diffamierendes Verhalten anzuprangern und Konsequenzen einzufordern. Unabdingbar ist aber, dass die uneingeschränkte Meinungsäusserung und Redefreiheit nicht in Gefahr geraten darf. Der offene Austausch von liberalen Ideen, Ansichten und Grundlagen darf nicht untergraben werden, welcher eine Stummschaltung oder Stigmatisierung der Kritiker bewirkt und die Meinungsvielfalt einengt.
Wenn lautstarke, aktivistische Minderheiten zunehmend festlegen, was wie gesagt und zu einem Thema beigetragen werden darf, dann bewegen wir uns bald auf einem demokratiezerstörenden Glatteis, für welches uns auf Dauer die Streumittel ausgehen und die Grenzen des Erträglichen überschritten werden.
Was besonders erstaunlich erscheint, ist die Tatsache, dass die Cancel Culture besonders in der akademischen Welt Einzug gehalten hat. Umfragen vom Allensbach Institut haben ergeben, dass ein knappes Drittel der Hochschullehrer der Meinung ist, dass deren Forschung und Lehre dadurch eklatante Einschränkungen erfährt. Eine Umfrage in der Bevölkerung ergab, dass 35 Prozent die Auffassung vertreten, dass freie Meinungsäusserung nur noch im privaten Kreis möglich wäre.
Wenn die öffentlichen Debatten weiterhin verarmen, wie es manche Anzeichen der jüngeren Vergangenheit leider vermuten lassen, dann müssen wir rechtzeitig gegensteuern, um eine Kollabierung der rationalen Entscheidungsfindung zu vermeiden. Dies kann nur gelingen, wenn der mündige Bürger sich gegen den ideologischen Gesinnungsterror von linken und rechten Gruppierungen wehrt, seine Scheuklappen ablegt und seiner natürlichen, unverzerrten Urteilskraft vertraut.
Allerdings muss er aber bereit sein, für eine ausgewogene Urteilsfindung über den Tellerrand zu schauen und sich nicht nur einseitig zu informieren.
Es reicht nicht nur Meinungen ungehindert hören zu können, sondern man muss auch das Recht besitzen, diese entsprechend bewerten zu dürfen, bevor sie im Äther der Verbannung diskreditiert und mundtot gemacht wurde.
Mit dem neuen, verallgemeinernden Modewort Cancel Culture besteht durchaus eine latente Missbrauchsgefahr als schwammiger K(r)ampfbegriff für mediale Scheingefechte, um die Emotionalität bestimmter Proteste marketingmässig ins Scheinwerferlicht zu stellen. Mit einer falsch verstandenen Meinungshygenie wird es versäumt für inhaltlich niveauvolle Diskussionen zu sorgen, welche die Debattenkultur und Intensität nachhaltig verbessern und für weniger Eskalation sorgen würden.
Unser, durchaus umstrittener, Vorzeigephilosoph Jürgen Habermas, der die „normative Kraft des Faktischen“ in seiner berühmten Diskursphilosophie ideologisiert hat, darf bei uns als einer der Cancel Culture Wegbereiter angesehen werden.
Bei ihm, der in der Debatte die Herrschaftsfreiheit walten lassen will, damit sich die besseren Argumente durchsetzen, war aber in seiner philosophischen Ausrichtung recht inkonsequent.
Einige seiner scheinbar faktischen Überlegungen haben sich bei näherer Betrachtung nicht als real gelebte Wirklichkeit erwiesen und Gewohnheitsrechte verdrängt.
Speziell die Meinung, dass nur das, was in den Medien und den Universitäten verhandelt wird und beim Durchlauf durch das mediale und politische Kollektiv übrigbleibt, darf einen Wirklichkeitsanspruch haben, ist mehr als diskutabel. Er spricht damit einfach denjenigen, die in der öffentlichen Debatte teilnehmen und nicht diese Auffassung vertreten, die Legitimation für bessere Fakten ab. Er sieht die Ansichten des Individuums als nicht relevant an, wenn sie sich ausserhalb des Dunstkreises der Verbände, der Wissenschaftler, der Ethikräte, Journalisten und allen voran des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bewegt.
Dadurch wird das Herrschende zur Norm erklärt, was sich in der Heftigkeit der Reaktionen von Politikern auf ungeliebte Äusserungen der Andersdenkenden niederschlägt. Die eigene Meinung wird als nicht anzweifelbar angesehen, was förmlich nach einem tiefgreifenden Umdenkungsprozess schreit.
Mit dieser absolutistischen Attitüde wird ein fairer Gedankenaustausch unmöglich gemacht, da bei diesen intellektuelle Phantomdiskussionen kein Raum für berechtigte Kritik vorhanden ist. In einer funktionierenden Demokratie müssen neben praktischen Gesichtspunkten auch orientierende, versöhnende und utopistische Ansichtsweisen und Denkmodelle im öffentlichen Diskurs möglich sein.
Basta Polemik darf nicht zum ultimativen Abwürgebegriff für verbale und semantische Auseinandersetzungen werden, bei denen ein hohes öffentliches Interesse besteht und der Bürger ein Recht hat, auch hinter die Kulissen schauen zu dürfen.
Dargelegter, externer Skeptizismus kann durchaus mit einer starken moralischen Überzeugung verbunden sein, welcher Werte und Normen nicht per se bezweifelt, sondern nur ihre Begründungen und den damit verbundenen diktatorischen Universalismus.
Wie steht so schön im Vorwort zu George Orwells Roman „Animal Farm“ (Die Farm der Tiere) geschrieben: „Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“
Das Zitat stellt nicht nur eine Verteidigung der Freiheit dar, sondern soll auch eine Erlaubniseinforderung bewirken, welche die Grenzen des sozialen Wandels überwacht, um gegen organisierte Angriffe aus der Ecke des extremistischen Politspektrums gewappnet zu sein.
Es soll weiterhin damit verhindert werden, dass privilegierte Politik und Fragmente einer abgehobenen Zivilgesellschaft vorsätzlich Vorgänge verschleiern, vertauschen und bewusst verwechseln können bzw. dürfen. Das betrifft insbesondere Meinungen und Stellungnahmen, die nicht dem eigenen Gusto und der Parteien Ideologie entsprechen und deshalb unterdrückt bzw. nicht wahrgenommen werden.
Es darf nicht Wirklichkeit werden, dass die Bürger nur noch mit der Masse mitlaufen dürfen und das zu denken haben, was von einem Kollektiv von gleichgeschalteten, machtgierigen Politikern, main-gestreamten Medien und staatlich geförderter NGOs als die reine, alternativlose Wahrheit angesehen wird.
Die Politik muss endlich begreifen, dass anders lautende Meinungen und Theorien mehr als Partner und weniger als Gegner angesehen werden müssen, um eine notwendige Objektivität zu gewährleisten. Dabei muss das „Tun sollen“ und nicht das „Was nicht dürfen“ im Vordergrund der Überlegungen stehen und unsere Debattenkultur positiv beeinflussen.
Wir müssen weiterhin als Fakt ansehen, dass es prinzipiell sinnlos ist, mittels politischer Hochstapelei, unsere Meinung zur Weltrettung anderen Nationen aufzuoktroyieren. Die verschiedenen Werteordnungen der Welt stehen sich in einem weitgehend unversöhnlichen Kampf untereinander gegenüber und unsere exklusiven, irrationalen Ansichten sind sicherlich nicht in der Lage, diese Gegensätzlichkeiten zu beenden, damit unseren Vorschlägen Folge geleistet wird.
Es gibt viel zu tun, wehret den Anfängen und zeigt Flagge!!!
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