Der Abschied von der Spassgesellschaft im Wandel der Neuzeit
Begrifflichkeit im Kontext mit der Erlebnisgesellschaft

Die Begriffe Spassgesellschaft oder Erlebnisgesellschaft sollen Ausdruck dafür sein, dass der Egoismus des Einzelnen in der heutigen Gesellschaft überhandgenommen hat und das Heil des Menschen in möglichst viel Genuss gesucht wird.
Der leicht abwertende Terminus der Spassgesellschaft rührt aus den Anfängen der 90er Jahre und drückt einen von einigen Menschen empfundenen Missstand der Zivilgesellschaft aus, der nach dem Börsenboom durch den sogenannten New-Economy-Hype ausgelöst wurde. Er steht für die Überdimensionierung des Wertes von Spass, wobei der kollektive Hang zu einem Mehr an ständigem Amüsement und materiellen Wohlstand kritisiert wird, welcher beispielsweise die natürlichen Bedürfnisse der Mitmenschen in den Hintergrund treten lässt.
Die Spassgesellschaft setzt im Gegensatz zur Verantwortungsgemeinschaft auf einen individualistischen Kulturansatz und die Bewahrer der kollektivistischen familienorientierten Kultur sahen darin eine Dekadenz, welcher der Untergang drohe, was sich letztendlich auch in einer gewissen Form bewahrheitet hat.
Durch eine Überbetonung der hedonistischen Sinneslust wurden die traditionellen Werte der Solidarität und der gemeinschaftlichen Anstrengung konterkariert. Das Streben nach möglichst vielen Erlebnissen auf der Suche nach dem persönlichen Glück, hat dazu geführt, dass die Werbe- und Freizeitindustrie einen ungeahnten Höhenflug zu verzeichnen hatte und riesige Erlebniswelten in Form von Einkaufszentren, Wellness-Hotelanlagen, Bäderlandschaften, Freizeit- und Themenparks wie Pilze aus der Erde schossen.
Durch Konsumkaptalismus zur Spasskulturindustrie
Die im ausufernden Konsumkapitalismus immer stärker werdende „Spasskulturindustrie“ mobilisierte die Massen und die Leute gierten nach preisgünstiger Unterhaltung, die praktisch für jeden Geldbeutel erschwinglich war. Es wurde die moderne Variante des Brot-und-Spiele-Prinzips in allen erdenklichen Nuancen zelebriert, um die Massen zufriedenstellen zu können und um den bedingungslosen Konsum in Schwung zu halten.
Die Industrie hat schnell erkannt, dass solange die Menschen einem erschwinglichen Amüsement und dichten Unterhaltungsangebot nachgehen können, sind sie zufriedener und bereit den Kapitalismus und Neoliberalismus gewähren zu lassen.
So war es kein Wunder, dass die Linken darin eine kapitalistische Missgeburt sahen, die als Gegenpol zum heiligen, sozialistischen Kollektiv einen kalten Egoismus unterstützt, welcher als Feind der Kulturrevolution angesehen wurde.
Das konservative Lager hingegen, beanstandete die frevelhafte Zuwendung zum individuellen Leichtsinn und einer Lockerheit, die eine reale Destabilisierung von Sitte und Moral bewirkte. Aus diesen Kreisen wurde kolportiert, dass die Spassgesellschaft eine Erfindung der FDP gewesen wäre.
Sehr zum Leidwesen der Kritiker, hat sich schnell herausgestellt, dass ihre gegnerische Einstellung sie zu Modernisierungsverlierer werden liess. Dies liegt daran, dass seitens der ideologisierenden und moralisierenden Deutungsminimalisten die Angst bestand, dass in einer Gesellschaft mit weniger Hierarchien jeder Mensch selbst entscheiden kann, wo der Spass anfängt und wo er aufhört und dieser unkontrollierbar werden könnte.
Spass und Glück im kollektiven Freizeitpark
Spass ist das Gegenteil von Pflicht, Ordnung und der Ethik des Ernsten und der Hedonismus könnte das Machtgefüge des Staates aus der Balance bringen und in Frage stellen.
Bisher war die Geschichte der Menschheit überwiegend geprägt von Nöten und Entbehrungen, die durch unzählige Kriege hervorgerufen wurden. Erst nach dem zweiten Weltkrieg hat das sogenannte „Wirtschaftswunder“ dafür gesorgt, dass die deutsche Bevölkerung in eine Welt des materiellen Überflusses hineingewachsen ist.
Viele Bürger verfügten über mehr Mittel als zur Existenzsicherung notwendig waren und die Suche nach Spass und Glück, hat das materielle Überleben und das dafür arbeiten abgelöst und das Dasein zum einem Erlebnisprojekt werden lassen.
„Shopping“ ist kein Einkauf mehr zur Beschaffung von benötigten Gütern zur Lebenserhaltung, sondern soll das Bedürfnis nach Einkaufserlebnissen befriedigen und die Menschen gehen auf Einkaufstour, ohne etwas wirklich zu brauchen. Shoppen ist als bevorzugte, zeitgeistige Freizeitbeschäftigung des „mehr haben Wollens“ selbstverständlich und ein Teil der Lebenskultur geworden.
Im Lauf der Jahre wurden die Arbeitszeiten kontinuierlich reduziert und die Urlaubstage erhöht, sodass die Menschen mehr Freizeit hatten, die es galt entsprechend auszufüllen. Somit wurde die frei verfügbare Zeit zu einer qualitativen und quantitativen Herausforderung und der Zwang etwas aus ihr zu machen nahm zu.
Das neue Freizeitleben wurde als eine Aneinanderreihung von konsumierbaren Höhepunkten zelebriert und die Industrie und die Medien liessen nichts unversucht, dies mit entsprechenden Werbekampagnen, den nach Vergnügen lechzenden Verbrauchern schmackhaft zu machen.
„Erlebe Dein Leben“ wurde zum kategorischen Imperativ der neuen Zeit und es entstand eine moderne Erlebnisrationalität unter dem Motto: „Richte dir deine persönliche Situation so ein, dass sie dir gefällt“.
So entwickelte sich automatisch eine neue, ungebremste Spasskultur, die in ihrer Vielfalt schier grenzenlos erschien und die zu immensen, die Umwelt schwer belastenden Ressourcenvernichtungsexzessen führte, welche sich im Laufe der Zeit als kaum beherrschbarer Bumerang erweisen sollten.
Das veranlasste Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1993 Deutschland als „kollektiven Freizeitpark“ zu geisseln, da seiner Meinung nach das Gedankengut der Spassgesellschaft an den Grundtugenden der Deutschen rüttelte. Er befürchtete anscheinend, dass Fleiss und Pflichterfüllung nicht mehr zeitgemäss sind und die Ethik des Kapitalismus, der freien Marktwirtschaft und der Leistungsbereitschaft darunter leiden müsste.
Spassgesellschaft und Massentourismus
Die Wahl zwischen immer mehr Dingen (Multioptionalität) und immer mehr Konsum wurde zum zentralen Merkmal der „Spassgesellschaft“. Das Hinausschieben der räumlichen Grenzen führte schliesslich zum weltweiten Massentourismus.
Das alles bewirkte, dass die Freizeit- und Tourismuswirtschaft zu einer enormen, aber in der deutschen Öffentlichkeit immer noch wenig bekannten Dimension angewachsen war. Sie wurde in Mitteleuropa zu einer der dynamischsten Wachstumsbranchen.
Die „Reiseintensität“ der Deutschen, der Anteil der Bevölkerung, der ein- oder zweimal im Jahr eine längere Reise macht, stieg und stieg und dies bis auf einen Anteil von 76 Prozent. Eine riesige Tourismusindustrie entstand, allein in Deutschland mit mehr als drei Millionen Arbeitsplätzen und bis zu 15 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt.
Grosse Teile der Werbung zeigten den gewünschten Zustand der ultimativen Genussbefriedigung und die Tourismusbranche sorgte dafür, dass man jederzeit per Flugzeug und Schiff die entlegensten Winkel der Welt besuchen konnte.
Flugreisen wurden zur billigen Massenware, was durch sogenannte Low Cost Airlines, wie z.B. easy- Jet und Ryanair, ermöglicht wurde, welche auf die Komfortmerkmale der klassischen Fluglinien verzichteten und meist Direktflüge zu extrem niedrigen Sondertarifen anboten.
Die Spassgesellschaft hat sich damit in einer Billigwelt eingerichtet. Schnell und mehrmals nach Mallorca, Ibiza oder Izmir zu fliegen wurde zum klassenlosen Standard und Zeugnis für eine überschäumende Genusssucht, um sich in fremden Gefilden nach Lust und Laune und ohne Rücksicht auf lokale Befindlichkeiten (z.B. Ballermann) ausleben zu können und dabei nachhaltig die Umwelt zu zerstören.
Mit der Spassgesellschaft verschoben sich die Schamgrenzen im Urlaub und ganz offensichtlich vor allem bei denen, die in ihrem Alltag besonderen Zwängen unterliegen und in starren Hierarchien eingeklemmt sind, die ihnen zuhause keine freie Entwicklung erlauben. Sie instrumentalisierten den Globus dafür sehr egoistisch-hedonistisch, häufig nach dem Motto: „Hoppla, jetzt komm ich!“ und „Was kostet die Welt?“
Ökologische Verantwortung und soziale Solidarität als selbstverständliche Bestandteile einer Sinngesellschaft waren ihnen fremd. Der Schutz der Umwelt und der natürlichen Lebensgrundlagen, welche zu immensen ökologischen Zerstörungen führte, hatte keine Bedeutung für sie.
Aus dieser Gleichgültigkeit gegenüber der Natur und dem durch den ungezügelten Konsum hervorgerufenen Abbau der natürlichen Ressourcen entwickelte sich eine ökologische Krise, die einen bedrohlichen Klimawandel unterstützte.
Das schleichende Ende der Spassgesellschaft
Die ersten ernsthaften Risse erhielt die Spassgesellschaft nach den schrecklichen islamistischen Terroristen Anschlägen des 11. September 2001 in New York auf das Word Trade Center. Es war ein Tag der die Welt veränderte und wo die Kultur einer neuen Ernsthaftigkeit begann sich erstmals in den Köpfen der Bevölkerung einzunisten und für Umdenkungsprozesse zu sorgen. Die Bildungsbürger, die kulturkritische Journaille, die Manager und die konservativen Politikern bewerteten die Auswirkungen dieses Kulturschocks positiv und unterstützten die Bemühungen zur Rückbesinnung.
Diese Ausdrucksformen des Ernstes traten in der Geschichte der Neuzeit immer dann auf, wenn ein katastrophisches Geschehen mit übergrosser Wucht auf uns niederprasselte und das tägliche Leben aus dem Gleichgewicht brachte.
Es entstand eine neue Realitäts- und Erlebnisbewusstsein und alle, die das Treiben der gepflegten Hedonisten schon immer widerlich gefunden und gegen die Erlebniswelten von Disney & Co als „kulturelle Tschernobyls“ gewettert hatten und die Heuschrecken der Freizeitgesellschaft auf den Autobahnen und in den Lüften verteufelten, triumphierten geradezu, da nun der Spass ja wohl ein Ende haben müsse.
Man sah ein Zeichen, dass es so nicht mehr weiter gehen konnte mit der Freizeit- und Konsumgesellschaft. Sie forderten Umkehr, zurück zur Ernsthaftigkeit der Arbeitsgesellschaft, zu den Pflicht- und Akzeptanzwerten der frühen Industriegesellschaft: Disziplin, Ordnung, Fleiss, die der westlichen Welt den Reichtum beschert haben. Die Stärkung der alten Ordnung und der alten Institutionen sollte wieder Vorrang bekommen.
Zusätzlich sahen die linken und ökologiebewegten Kulturkritiker in der Tatsache, dass ausgerechnet die Twin-Towers des World Trade Centers als Symbol des globalen (US-) Kapitalismus, Ziel des Anschlags gewesen waren, ein anderes Zeichen. Sie waren der Überzeugung. dass die Fixierung auf Vergnügen und Konsum in der westlichen Welt zu weit gegangen ist, die „Wegwerfgesellschaft“ mit ihren schädlichen Umwelteinwirkungen dafür ihre erste Quittung bekam und es an der Zeit ist zum Wesentlichen und zu mehr Innerlichkeit zurückzukehren.
Diese Euphorie ebbte, wie eigentlich zu erwarten und befürchten war, relativ schnell wieder ab. Die alten spassorientierten Verhaltensmuster setzten sich wieder sukzessive durch, wenn auch in einer etwas gemässigerten Form.
Erst als der Weltklimarat (IPCC) mit seinem vierten Sachstandsbericht zum Klimawechsel im Jahr 2007 deutlich machte, dass der Einfluss des Menschen auf das Klima ein wissenschaftlicher Fakt ist und die zu beobachtenden Klimaänderungen anthropogen, d.h. durch den Menschen und seinen seit 1750 enorm gestiegenen Verbrauch fossiler Brennstoffe, verursacht wird, begannen die Alt-Parteien ihr ökologisches Bewusstein zu entdecken. Sie wurden besonders durch die Grünen/Bündnis 90-Partei unter Druck gesetzt, diesem drohenden Klimawandel entgegenzutreten und entsprechende Massnahmen zu ergreifen.
Dies geschah aber nur recht halbherzig und erst als das IPCC im Jahr 2013 sein fünften Sachstandsbericht veröffentlichte, war eine besondere Dynamik in der Parteienlandschaft zu verzeichnen. Die Belege für die stattfindenden Klimaveränderungen, ihre Ursachen und die Abschätzungen der zukünftigen Entwicklungen waren umfassender und fundierter. Es wurde prognostiziert, dass die Temperatur der unteren Atmosphäre weiter steigt, die Ozeane erwärmen sich, Gletscher und Permafrostböden tauen, Eisschilde verlieren an Masse und der Meeresspiegel steigt.
Somit wurde der Klimaschutz zur Hauptaufgabe für die Politik und der Gesellschaft und es wurde schnell klar, dass die globale Erderwärmung nur in einem gemeinschaftliche Ansatz in Grenzen gehalten werden kann. Aufgrund internationaler Vereinbarungen wurden Ziele zur Senkung der Treibhausgase festgesetzt, die besonders in Deutschland mit der Implementierung der grossen Transformation sehr ambitioniert ausgefallen sind.
Neue Ernsthaftigkeit und Ruf nach Generationengerechtigkeit
Bei näherem Hinsehen wurde rasch klar, dass auch nur das ansatzweise Erreichen dieser hoch gegriffenen Ziele einschneidende Verhaltensänderungen für die Bürger und auch für die produzierende Industrie mit sich bringen muss.
Der exzessiven Ausweitung des Konsums im Bereich der erweiterten Grundbedürfnisse muss weitgehend Einhalt geboten werden, ebenso wie der ressourcenvernichtenden Massenproduktion und den Treibhausgas emittierenden, mobilen Verkehrsmitteln und fossilen Energieerzeugungstechnologien.
Speziell bei den jüngeren Generationen konnte man eine „neue Ernsthaftigkeit“ feststellen, die in erster Linie durch die Sorge um Umwelt und Klima begründet wurde und sich u.a. in der Fridays-for-Future Bewegung und ihren Demonstrationen bemerkbar machte, die eine gewisse Politisierung auslöste.
Das „Klimaproblem“ wurde zur zentralen Frage der Generationengerechtigkeit erhoben und die Erwachsenen wurden für die Schaffung der hemmungslos konsumierenden Spassgesellschaft und ihre umweltpolitischen Auswüchse verantwortlich gemacht. Sie sollen zusammen mit der Politik dafür sorgen, dass der Klimawandel, durch die signifikante Reduzierung der Treibhausgasemissionen gestoppt wird, um die drohende zusätzliche Erwärmung der Erde zu vermeiden.
Die ökologische Krise muss mit ihren Auswirkungen auf das Klima die bisher gewohnten Urlauberströme nachhaltig umlenken und viele Konsum-Verhaltensänderungen erzwingen, die eine allgemeine Akzeptanz möglich machen.
Der Bürger muss erkennen, dass der Wunsch und das Streben nach dem Erlebnis-Paradies kein obligatorisches Menschenrecht darstellt, ebenso wenig wie die sofortige und umfassende Bedürfnisbefriedigung zu Lasten der Umwelt.
Der Corona Virus als von Gott gegebene Spassbremse
Der Corona-Virus als quasi eine von Gott gegebenen und gewollten Spass-Bremse, bereitete dem ungehemmten Konsumtreiben und Reisen ein abruptes Ende und der Bevölkerung wurde schmerzhaft vor Augen geführt, wie schnell es mit der Herrlichkeit der individuellen Freiheit vorbei sein kann.
Die über zweijährigen, zum Teil eklatanten, persönlichen Beschränkungen zur Pandemiebewältigung und die permanente Auseinandersetzung mit Leben und Tod, könnten somit als Wegbereiter zur Abkehr von der Spassgesellschaft hin zur eigenkontrollierten Sinngesellschaft dienen und aus der Not eine Tugend machen.
Der kulturelle Reichtum Deutschlands sollte dabei eine der wichtigsten Ressourcen für das Leben in einer zukunftsorientieren, umweltgerechten Sinngesellschaft sein und als Basis eine grosse psychologische Transformation der Spassgesellschaft initiieren. Dadurch könnte eine Symbiose zwischen einem geregeltem Konsum und nachhaltigem, sanften Tourismus ermöglicht werden, welche eine eigene, intellektuelle Kultur entwickelt, die genügend Angebote für die persönliche, gesellschaftliche Positionsbestimmung bereithält und trotzdem für Zufriedenheit der Bürger sorgt.
So wird es die Erlebnisgesellschaft in Zukunft in neuen Spielarten, als quasi „Light Version“ geben und die Spassgesellschaft der herkömmlichen Art ablösen, was uns die Umwelt sicherlich danken wird.
Allerdings sollten wir darauf achten und Sorge dafür tragen, dass eine „Proletarisierung“ der neu geschaffenen Erlebniskultur vermieden wird, die wieder einen Rückfall in die Spassgesellschaft des Billig-Konsums und des Massentourismus auslösen und die Bemühungen für den nachhaltigen Umweltschutz aushebeln würde.
Das kann sicherlich gelingen, wenn die Regierungen bereit sind von überzogenen Reglementierungen, Verboten und Freiheitsbeschränkungen abzusehen und eine ausgewogene Politik der ideologiefreien Mitte dem Bürger näherzubringen.
Die Sehnsucht nach bedürfnisgerechter Politik
Die Gesellschaft hat genug von den vielen Wolkenkuckucksheim-Projekten der Politik und sehnt sich nach verständlichen und realitätsbezogenen Massnahmen und Gesetzen. Permanent als eine Art „Versuchskarnickel“ missbraucht zu werden, ist zermürbend und forciert die Spaltung der Solidar- Gemeinschaft.
Nur wenn das ökologische Problembewusstsein sich stetig für alle Bürger weiterentwickeln kann und nicht auf einige Umweltaktivisten beschränkt ist, kann die signifikante Gefährdung unserer Lebensgrundlagen verhindert werden. Darauf zu warten, dass sich die Lücke zwischen Handlungsbedarf und sinnvollen Handlungsmassnahmen von alleine schliesst, wäre ein Akt von fataler Kontraproduktivität und würde die Unumkehrbarkeit vieler ökologisch notwendiger Veränderungen schrumpfen lassen.
Die Menschen der jüngeren Generationen werden die neue gesellschaftliche Entwicklung, die sich vom billigen und oberflächlichen Vergnügen abkehrt zu schätzen lernen, weil neben Tatendrang und Genuss vor allem Werte und der gegenseitige Rückhalt wieder wichtiger werden, ebenso wie familiäre Beziehungen.
Durch die Corona- und die Klimakrise hat sich das Wertegerüst der Konsumenten verändert. Den eigenen Wohlstand zu wahren und sich im Alltag auf Bekanntes und Bewährtes zu verlassen, wird dem hedonistischen Leben, das auf Spass und Erlebnis ausgerichtet ist, vorgezogen und mehr Wert auf Solidität und Solidarität gelegt.
Deshalb ist der Wunsch zur Rückkehr nach der alten „Normalität“ eigentlich nicht erstrebenswert und falsch, wenn wir nicht bereit sind unser Konsumverhalten zu ändern und an die Prinzipien der Nachhaltigkeit anzupassen. Das „billig und viel“ und „immer mehr“ muss der Vergangenheit angehören, auch wenn am Ende immer der Preis des Produktes und der Leistung die Kaufentscheidung beeinflussen wird.
Heimische, qualitativ hochwertige Produkte, die unter Nachhaltigkeitsaspekten hergestellt werden, sind immer teurer als Discounter- und Massenware, egal wo sie auch herkommen mag. Trotzdem muss ein auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Leben nicht obligatorisch einen teuren Luxus darstellen. Wer bereit ist, seinen Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen, wird in allen Lebensbereichen Möglichkeiten finden, auch mit weniger Geld und Pomp nachhaltiger Leben zu können.
Saisonal einkaufen, anstatt jeden Tag vielleicht nur ein- oder zweimal in der Woche Fleisch essen, Produktvielfalt kürzen und clever Kleidung kaufen sind nur einige Beispiele, über die es sich nachzudenken lohnt.
Die Grundhaltung der Menschen muss kritischer und bisherige Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden. Ökologische und soziale Verantwortung muss an Relevanz gewinnen, auch wenn dies mit einem gewissen Verzicht verbunden ist.
Dabei muss Verzicht nicht unbedingt Rückschritt und Verlust der Lebensfreude bedeuten. Ersetzt man Verzicht durch koordinierte Sparsamkeit und selektivem, nachhaltigen Konsum und macht dies zum persönlichen Standard, wird man erkennen, dass man auch so Gewinne erzielen kann und dies nicht nur im Bereich von Energie und Ressourcen.
Durch Entschleunigung, Freude an der Natur und an neuen, harmonischen Lebensräumen, wird individuelle Freiheit und Zufriedenheit sowie ein Gewinn an Lebenszeit erreicht, was einen partiellen Verzicht auf materielle Dinge ohne weiteres ausgleicht.
Wir müssen andererseits aber unbedingt lernen auf Unsinn und ein überzogenes Dolcefarniente zu verzichten und eine neue Bescheidenheit an den Tag legen, welche den notwendigen Wandel vorantreibt und auch eine Wende in der Bildungsbereitschaft bedeuten muss.
Hoffen wir, dass in Anlehnung an ein Zitat von Shakespeare aus dem Drama von König Richard III., bald wieder eine gewisse Normalität bei uns einkehrt und wir trotzdem weiter Spass am neuen Erlebnis-Leben haben, ohne dabei von zu vielen, staatlich verordneten Verboten geknechtet zu werden.
„Jetzt ist der Winter unserer Unzufriedenheit durch die Sonne Berlins zum glorreichen Sommer gemacht“
Zugegebenermassen hört sich das recht futuristisch und lebensfremd an, wenn man sieht, wie unser Berliner Sonnenkönig sich hinter jeder Wolke der Entscheidungsfindung versteckt und mit geringster Strahlkraft seine Arbeit verrichtet.
Man sollte jedoch die Hoffnung nicht aufgeben, dass irgendwann mal auch die Sonne der unbefleckten Erkenntnis in Berlin zu scheinen anfängt und sie die Nebel und Wolken der anscheinend nicht enden wollenden Fehleinschätzungen, Halbwahrheiten und freiheitsraubenden Beeinträchtigungen vertreibt.
Sehr gut, auch durch die Struktur, die Deine Überschriften dem gesamten Blog geben !