Wahlkrampf ohne Ende

Grosse Teile der Bevölkerung gieren nach einem politischen Neuanfang, doch dieser Wunsch wird seitens der Politiker ignoriert bzw. nur halbherzig erhört und umgesetzt. Während des Wahlkampfs wird jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf getrieben und niemand weiss mehr für was jemand steht.
Die grosse allgemeine Verunsicherung macht sich allerorten breit und den Spekulationen der Wahlforscher und Umfrageinstitute zu deren täglichen Wasserstandmeldungen wird höchste Priorität eingeräumt und diese werden als glaubwürdig angesehen.
Es hat den Anschein, dass die Bürger noch nie so empfänglich für politische Manipulationen waren, wie in den letzten Wochen vor der Bundestagswahl. Die Grenzen des politischen Anstands sind nur noch in Fragmenten sichtbar und ein allgemeines, substanzloses Hauen und Stechen, wo anscheinend jeder im Rundumschlagverfahren gegen jeden agiert, hat einen beschämenden Einzug in unserem Polit-Kosmos genommen.
Dabei ist die politische Ehrlichkeit zu einem Auslaufmodell mutiert und es wird wahltaktisch gelogen, dass sich die Balken biegen. Fast niemand nimmt das anscheinend wahr und prangert dies an. Die Wölfe im Schafspelz haben Hochkonjunktur und selbst die öffentliche Anstiftung zum Denunziantentum wird von vielen als Notwendigkeit angesehen und als nicht verwerflich erachtet. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Abstreiten von offensichtlichen, politischen Verfehlungen, die eindeutig zu Lasten des Steuerzahlers gingen oder gehen, als politische Breitensportdisziplin angesehen werden. Das sich zur rechten Zeit nicht erinnern können und das gleichzeitige Hände in Unschuld waschen wird ohne grosses Murren und Knurren hingenommen und salonfähig gemacht.
So ist es wahrlich kein Wunder, dass das politische Staatsversagen in einem Masse zunimmt, was vormals in Deutschland niemals für möglich gehalten wurde. Die Obrigkeit leistet sich Offenbarungseide am laufenden Band. Die sogenannte Opposition ist dabei in vielen Bereichen lediglich Steigbügelhalter und fristet ein unwürdiges Papiertigerdasein.
Die Politiker kleben an ihren Stühlen und zeigen kaum Bereitschaft für ihr Tun Verantwortung zu übernehmen. In vielen Fällen liegt ein doppeldeutiges Verhalten vor, das sowohl im schädlichen Tun als auch im Unterlassen seine Wurzeln hat. Garantenpflicht und Handlungspflicht befinden sich oft in einem diametralen Ungleichgewicht, was den Schutz der Bevölkerung sowie die Anordnung und Überwachung der notwendigen Massnahmen zur Krisenbewältigung anbelangt.
Die Amtshaftung wird in vielen Bereichen höchst unterschiedlich ausgelegt. Gezielte Verwässerung und die fliessenden Übergänge bei den Zuständigkeitskompetenzen machen deliktische Ansprüche zur Reparation praktisch unmöglich. Besonders das zunehmende Aushebeln von verfassungsrechtlichen Grundrechten gibt hier zu besonderer Besorgnis Anlass und undifferenzierte Auffassungen und Einsichtigkeiten, welche in eigentlich sträflicher Weise legitimiert werden, nehmen leider überhand.
Die Fallhöhe ist für die angeprangerten Politiker und die mit involvierten Beamten sehr gering, da man nach dem Scheitern in der Regel gut vom Staat versorgt wird oder sich mit dem Weg in die Privatwirtschaft das weitere Dasein ohne Mühen vergolden lassen kann.
Leider ist zu erwarten, dass sich die politischen Begleitumstände und Rahmenbedingungen in absehbarer Zeit nicht ändern werden und wir lernen müssen, mit diesen Unzulänglichkeiten zu leben. Wir und dies sind besonders die Älterem unter uns, sind gut beraten, dass jeder für sich eine entsprechende Akzeptanzschwelle nivelliert, die es ermöglicht, ohne grösseren, seelischen Kollateralschaden diese, in letzter Konsequenz das Gemeinwohl gefährdende, Misere zu überwinden.
Was nach purem Fatalismus tönt, ist dem eigenen Schutz geschuldet, um nicht auf der Couch des Psychiaters zu enden, weil traumatische Politerfahrungen die Psyche über Gebühr belasten.
Es ist jammerschade, dass Sigmund Freud nicht mehr unter uns weilt, der uns das Tor zur Seele der Politiker öffnen würde und uns deren Über-Ich (Gewissen) näherbringen würde, falls vorhanden.
Sein Zitat: „Die Gegenwart kann man nicht genießen, ohne sie zu verstehen und nicht verstehen, ohne die Vergangenheit zu kennen,“ hat jedoch Bestand bis in alle Ewigkeit. Es zeigt, dass die Jugend gut beraten wäre, sich nicht nur mit der Zukunft auseinanderzusetzen, sondern sich auch mit der Vergangenheit zu beschäftigen, um aus gemachten Fehlern entsprechend zu lernen und die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Nur allzu schade ist, dass viele Politiker dies auch nicht beherzigen, oder deren Gedächtnislücken zu dominant sind, um sich daran zu erinnern. Sie scheinen aber auszureichen, um uns in eine gesicherte Zukunft führen zu wollen. Was für ein Hohn.
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